Gedanken einer Autistin
 

Gedanken einer Autistin

2011: Im Restaurant - Ein Tag ohne Musik - Auf dem Weg zur Arbeit - Mein Klavierauszug - Ohne Noten - An der Pyramide - Die fehlende Bank - Distanzzonen - Urlaubszeit - Alles ist anders - Advent - Weihnachtsmarkt - Silvesterkonzer

2012: Pflichten - Hühner - Äpfel, Birnen und Atombusen - Kälte ist relativ - Der Engel in der Warnweste - Antriebslosigkeit - Beliebtheitsskala - Ölsaaten und Körner - Chorwochenende - Im Konzert - Zwischen den Jahren

2013: Chorprobe - Psychomotorische Hemmung - Polizeipferde - Käufliche Liebe - Vom hohen Ross - Körper, Geist und Seele - Ich sehe was, was du nicht siehst - Auch Autisten haben Gefühle - Recht auf Freiheit zur Krankheit - Von der rezidivierenden Ungerechtigkeit gegenüber dem Schwachen - Kränkung - Offener Brief zum Weltautismustag - Am Tag danach - Fenster zur Welt - Sommerferien - Ferienzeit - Einsame Nacht - Dritter Oktober - Soziale Kälte

2014: Heilung vom Heilungswahn - Glück ohne Empfinden - Fußballgucken - Anker - Der Himmel auf Erden - Per noctes

2011

Im Restaurant
Es ergab sich, dass ich am Bahnhof eine Dreiviertelstunde Zeit hatte, ehe mein Zug fuhr und entgegen meiner sonstigen Gewohnheit, mich gleich auf den Bahnsteig zu begeben und dort zu warten, wollte ich mir mal etwas gönnen und mich in eines der Cafés im Bahnhof setzen, einen Latte Macchiato trinken und eine Kleinigkeit essen. Die Wahl des Lokales war nicht ganz einfach, denn es gibt derer mehrere im Bahnhof und so nahm ich als Auswahlkriterium die Sitzgelegenheiten. Ich liege in der Gauß'schen Verteilungskurve der Beinlänge der Menschheit im ersten Drittel und daher fühle ich mich auf vielen Stühlen sehr unwohl, da diese zu hoch für mich sind und meine Füße nicht den Boden berühren können. Ich wählte also ein Café aus, in dem es niedrige, bequem aussehende Sessel gab. Außerdem war an den Wänden in großen Lettern "feel at home" zu lesen. Das machte doch also einen guten Eindruck und so nahm ich nach einiger Überlegung Platz in der hinteren Ecke. Das Lokal war fast leer und an der Theke wuselten drei Mitarbeiterinnen herum. Aber auch nach einiger Zeit bemühte sich keine von ihnen an meinen Tisch, um meine Bestellung aufzunehmen und den Fleck auf dem Tisch abzuwischen. Aus Langeweile las ich, was auf den Tafeln über der Theke geschrieben stand und da las ich, dass man an der Theke bestellen solle. Toll, dass ich das so zufällig erfuhr. Hätten die das nicht etwas auffälliger schreiben können? Und warum lagen dann auf den Tischen die Speisekarten? Und wieso war darauf kein Verweis auf die Bestellung an der Theke? Ich ging also zur Theke und wollte meine Bestellung aufgeben, die Angestellten waren nicht sehr freundlich und mit harschen Worten wurde ich um die Thekenecke geleitet, um gleich zu bezahlen. Ich nahm wieder Platz und dachte, dass man seine Speisen und Getränke gebracht bekommt. Aber auch da hatte ich mich geirrt, von der Theke wurde mir sehr unfreundlich zugerufen, dass ich meine Sachen abholen müsse. Ein Kaffee, der nicht gescheckt war, wie der Name "Latte macchiato" eigentlich vermuten lässt, das Glas stand nicht einmal auf einem Unterteller und das Brötchen war recht klein und hatte in der Mitte ein Loch. Wozu macht man Brötchen mit einem Loch? Da quillt ja der Belag heraus und man kann das nicht manierlich essen. Außerdem war mein Brötchen in der Mitte in zwei Teile durchgeschnitten und sehr schlampig auf einen Stapel von vier Servietten gelegt, die alle von dem hervorquellenden Salat und Tomatenstücken durchweicht und damit unbrauchbar waren. Und dafür hatte ich fast acht Euro bezahlt! Ein Getränk, das seiner Bezeichnung nicht entspricht, ein lieblos serviertes Brötchen mit Loch, unfreundliche Mitarbeiterinnen und Selbstbedienung. Immerhin hat es mir geschmeckt und der Sessel war so bequem, wie er aussah. Aber mein Notebook stellte ich besser nicht auf den Tisch mit dem Fleck, das behielt ich lieber auf meinem Schoß. Und beim nächsten Mal werde ich mir wieder ein Brötchen zum Mitnehmen kaufen und dieses aus der Tüte auf dem Bahnsteig essen. Das ist billiger und weniger aufregend und ich kann dabei den ein- und ausfahrenden Zügen zusehen...
Ein Tag ohne Musik
Wenn ich unterwegs bin, habe ich normalerweise meinen MP3-Player dabei. Am liebsten höre ich Bach, aber auch Händel, andere Barockkomponisten, Romatik und Renaissancemusik. Ich liebe die Musik und ohne sie könnte ich nicht leben. Ich bin immer bemüht, dass der Akku des Gerätes ausreichend aufgeladen ist. Aber ab und zu passiert es, dass ich dies versäume. Unvorstellbar, dann kann ich ja keine Musik hören! Und wenn es dann doch tatsächlich passiert, rede ich mir ein, dass dies doch nicht so dramatisch ist. So erging es mir vor einigen Tagen. Ich überlegte, dass ich dem Rauschen der S-Bahn zuhören könnte, dem Schleifen der Fahrgestelle auf den Schienen, das sind schöne Töne. Aber in den Straßenbahnen sitzen Leute und diese reden und quasseln, sie telephonieren und schimpfen. Ich mag das nicht, besonders diese schimpfrige Stimmung habe ich als Kind sehr oft zu Hause erleben müssen und das war sehr schlimm. Ich verstehe einfach nicht, warum die Menschen sich über so viele unwichtige Kleinigkeiten oder unveränderliche Dinge, wie zum Beispiel das Wetter, so sehr aufregen. Es nützt doch nichts und es gibt einfach Dinge, die man hinnehmen muss. Und ich verstehe nicht, wieso die Menschen nicht netter und höflicher zueinander sein können. Sie könnten es doch viel angenehmer haben, wären sie gelassener und freundlicher. Diese Gespräche in den Straßenbahnen sind so profan, teilweise auch dumm oder schlichtweg nur nervig. Sicherlich führen einige Menschen auch gute und sinnvolle Gespräche, aber ich möchte meine Ruhe haben, meinen Gedanken nachhängen. Manche dieser Gespräche sind so laut, dass selbst meine Musik sie nicht übertönen kann. Dennoch hüllt mich die Musik ein und beschützt mich, sie gibt mir Sicherheit und Geborgenheit und schottet mich gegen außen ab. Ich gehe im Takt und füge mich ein in die Fuge. Das fehlt mir, wenn mein MP3-Player nicht geht. Auch beim Fahrradfahren gibt mir die Musik Halt. Ich weiß, dass dies nicht gemäß der StVO ist, aber ohne meine Musik bin ich nicht beschützt vor den vielen Reizen, die auf mich einströmen und ich kann mich dann nur schlecht auf das Wichtige beim Radfahren konzentrieren und es stresst mich viel mehr. Gestresst bin ich ganz besonders, wenn ich in der S-Bahn die Gespräche anderer Leute anhören muss, ich höre nicht bewusst hin, nein, die Gespräche drängen sich mir auf und da ist nichts, was mich davor beschirmt und ich hoffe sehr, endlich zu Hause anzukommen, um endlich wieder mein Ruhe zu haben. Das erste, was ich zu Hause mache ist, den MP3-Player aufzuladen, damit der nächste Tag wieder besser wird, mit Musik.
Auf dem Weg zur Arbeit
Ich bin auf dem Weg zur Arbeit und muss am Hauptbahnhof auf meinen Bus warten. Ich habe noch Zeit und möchte zum Zeitschriftenladen gehen, denn dort gibt es immer so hübsche, durchsichtige Bälle mit Glitter drin. Ich liebe solches Spielzeug und kann mich in Zeit und Raum vergessen, wenn ich solch einen Ball in der Hand halte und hineinsehe, ihn immer wieder drehe und die hübschen Reflexionen betrachte. Ich gehe also hinüber zum Bahnhofsgebäude über die Straßenbahnschienen, ganz in mich und meine Musik versunken, betrachte den Boden, registriere die Rillen zwischen den Steinplatten, die vielen Abfallteile, die überall herumliegen und sehe das Bahnhofsgebäude vor mir. Es ist im Jugendstil gebaut und hat an der Fassade ein hübsches Muster aus gebogenen Rillen und dreidimensionalen Ovalen. Ich finde das Muster schön, hole mein Mobiltelephon, das eine ganz gute Kamera enthält, heraus und mache Photos von einigen Details der Fassade. An mir strömen hetzende Menschen vorbei, manche schauen, was diese Person da so interessantes photographiert. Es scheint für sie völlig unnormal, so etwas zu tun. Morgens ist man auf dem Weg zur Arbeit, da hat man für sowas keine Zeit und überhaupt ist es ja sowieso komisch, dass beziehungsweise was die da knipst: die Wand. Die scheint nicht ganz richtig im Kopf zu sein, auf jeden Fall ist die nicht normal. Und ich stehe da und denke, dass die Leute wiederum alle ein wenig bekloppt sein müssen. Sie hetzen alle, streiten sich um den ersten Platz an der Tür zur Straßenbahn, tun so, als kämen sie nicht mit, machen keinen Platz für die aussteigenden Leute, die wiederum genervt sind, woraus Missstimmung resultiert. Bisher ist doch noch jeder mitgekommen, das sollte ihnen eigentlich die Erfahrung sagen. Aber sie tun so, als machten sie ihren Weg zur Arbeit das erste Mal. Ich habe selbst einige Jahre mitgehetzt. Damals dachte ich, dass man das so machen muss und ich imitierte die Leute. Ich war die ganze Zeit mit voller Aufmerksamkeit dabei, was mich viel Kraft kostete. Irgendwann verstand ich, dass es aber dumm ist, sich von diesem Strom mitreißen zu lassen, einfach, weil es mir nicht gut tut und weil es anders geht. Die Depression und der damit verbundene Klinikaufenthalt zeigten mir, dass man auch mit mehr Gelassenheit zum Ziel kommt. Achtsamkeit nennen das die Psychiater und Psychologen. Von Natur aus hatte ich sie mitgegeben als Autistin und hatte sie mir abtrainiert, weil ich dachte, das müsse so sein. Seit ich meine Autismus-Diagnose habe und mir durch das Lesen der Fachliteratur immer mehr bestätigt wird, dass mein Gefühl, anders zu sein als die meisten anderen Menschen, als korrekt bestätigt wird und dass dieses Ruhen in sich autistisch ist, unterdrücke ich es nicht mehr. Nur wenn es nötig ist, mache ich dies noch. Ich sehe einfach nicht mehr ein, etwas zu erzwingen, was mich viel Kraft kostet und dennoch keinen Sinn hat und widernatürlich ist. Und so gehe ich und ruhe in mir, meiner Musik und den vielen interessanten Details um mich herum.
Mein Klavierauszug
Wir singen bald mit dem Chor im Gottesdienst eine Bachkantate. Ich liebe Bach und diese Kantate kenne ich gut, aber ich habe noch keinen Klavierauszug davon. Mir genügt die auf den Chor reduzierte Ausgabe, die es meist als Leihmaterial für die Chöre gibt, nicht. Ich möchte auch die Arien und Recitative mitlesen und diese sind in den Leihnoten nicht abgedruckt. Also rufe ich im Musikhaus an und bestelle mir einen Klavierauszug. Er ist sogar vorrätig und so beschließe ich, mir die Noten nach der Arbeit abzuholen. An diesem Tag habe ich viel zu arbeiten. Ich mache meine Arbeit gerne und sie ist mir sehr wichtig, ich habe lange genug keine Arbeit gehabt und sehr darunter gelitten. Und so mache ich fertig, was fertig werden muss und arbeite länger. Aber es reicht noch, den Klavierauszug abzuholen. Ich fahre mit der Straßenbahn in die Innenstadt und freue mich auf meinen Klavierauszug, Geld habe ich auch genug dabei. Es ist 18:56 Uhr, als meine Straßenbahn direkt vor dem Musikhaus hält, vier Minuten sind mehr als genug Zeit, in die Notenabteilung zu gehen, um den Klavierauszug zu bitten und diesen zu bezahlen. Ich gehe also zielstrebig auf das Geschäft zu und sehe, dass das Licht ausgeschaltet ist und ein Plakatständer ist demonstrativ hinter die geschlossene Glastür gestellt. Wieso ist der Laden schon zu? Es sind doch noch vier Minuten Zeit! Die haben einfach früher aufgehört zu arbeiten und ich bekomme meine Bachkantate nicht. Das kann, nein, das darf doch nicht sein. Alles war so gut getaktet und nun muss ich mehrere Tage auf meinen Klavierauszug warten, da mein Terminkalender und das Wochenende es mir nicht möglich machen, zum Musikhaus zu fahren. Da stehe ich nun und bin ratlos, stehe minutenlang da und überlege, was ich nun machen soll. Nach Hause fahre, ja. Aber doch nicht ohne meine Bachkantate! Aber ich muss wohl und traue mich nicht, an die Tür zu klopfen, habe keine Kraft, keine Sprache, mich zu beschweren, dass wenn sie als Öffnungszeit bis 19 Uhr angegeben haben, sie nicht einfach früher schließen können. Und so stehe ich da und bin fassungs- und sprachlos und muss ohne meinen Klavierauszug nach Hause fahren.
Ohne Noten
Ich habe eine Chorprobe, der Kirchenchor braucht Verstärkung im Sopran und so bin ich gekommen. Es wird eine kleine Motette für den kommenden Sonntag geprobt. Die Noten sind alle ausgeteilt. Es sind vier Exemplare zu wenig und ich habe mal wieder keines bekommen. Die anderen Drei, die ebenfalls keine Noten bekommen haben, schauen mit ihrem Nachbarn zusammen in die Noten. Aber meine Nachbarin hat auch keine Noten. Ich beuge mich ein wenig und versuche ebenfalls in die Noten der Nachbarin der Nachbarin zu schauen. Aber ich kann den Text nicht lesen, einerseits, weil er zu klein ist, andererseits, weil durch die Körperbewegungen der Notenhalterin das Notenblatt nicht still steht. So kann ich nicht lesen und damit nicht singen. Meine sonst so sichere Stimme ist brüchig, wie die eines Anfängers. Hätte ich die Möglichkeit, Noten und Text lesen zu können, würde ich problemlos vom Blatt singen. Aber ich stehe hilflos da und bin traurig, nicht singen zu können. Ich komme doch ausgerechnet zum Singen in die Chorprobe. Aber ich bin umsonst gekommen. Dabei kostete es mich gerade heute mal wieder so viel Kraft, pünktlich zur Chorprobe zu kommen. Sehen denn die anderen Chorsänger denn nicht, dass sich da drei Soprane mit einem einzigen Notenblatt abmühen? Kann von denen denn keiner seine Noten abgeben? Ich habe das schon so oft getan. Ich recke und winde mich, hoffe, dass es einer sieht und uns seine Noten abgibt. Aber sie sehen es nicht, vielleicht wollen sie es auch nicht sehen. Sie schauen alle stur in ihr Notenblatt und teilen nicht. Wie kann man nur so unkollegial sein? Chorsingen ist ein Mannschaftssport. Und selbst wenn vom großen Chor zur Verstärkung Sänger zum Kirchenchor hinzukommen, ist das Singen eine gemeinsame Angelegenheit. Ich mühe mich ab, in die Noten weit links von mir zu sehen, aber ich habe nach einiger Zeit einfach keine Kraft mehr. Ich gebe auf, stehe da, bewege nur meinen Mund, singe ab und zu einen falschen Ton. Ich erwische mich dabei, es absichtlich zu tun. Niemals sonst würde ich falsch singen wollen. Die Situation ist so aberwitzig, dass ich sogar kurz lachen muss. Aber nur kurz, denn es ist nicht lustig. Ich habe auf mein Abendessen verzichtet, Kraft aufgebracht, um den Kirchenchor zu verstärken, unser Kantor hatte darum gebeten und für mich ist das normalerweise Ehrensache. Und nun lassen die mich nicht mitsingen! Mir fehlt die Sprache, um nach Noten zu bitten, es geht einfach nicht. Aber nach der Chorprobe bin ich so verwirrt und traurig, dass ich wütend auf diese Chorsänger werde und nun platzt es aus mir heraus. Und wieder entlädt sich die angestaute Hilflosigkeit, die autistische Sprachlosigkeit mit einer unmäßigen Wahl der Mittel. Ich schimpfe laut vor einigen Chorsängern, dass dies der unkollegialste Chor sei, den ich kenne. Eine gibt mir zur Antwort, dass ich kein Recht hätte, mich zu beschweren, da ich ja nur als Aushilfe hinzugekommen sei. Das macht mich noch wütender und ich falle in eine Schleife, wehre mich und schimpfe, dass ich nicht zu kommen hätte brauchen, sollen sie das nächste Mal doch ohne mich singen, den Sopran mit den alten Damen allein lassen mit ihrem kläglichen Gesang, ohne die Fähigkeit, die hohen Töne sauber hervorzubringen. Bei jenen, die ich mit meinem Schimpfen nicht meine, entschuldige ich mich und habe dennoch ein schlechtes Gewissen, so will ich doch auch gar nicht sein. Und ich habe die Gewissheit, mal wieder ganz alleine dazustehen, keiner stimmt mir zu und dabei sage ich doch nur die Wahrheit. Vielleicht denkt sogar jemand, dass ich Recht habe, aber es ist ja einfacher, sich durch das Schweigen keinen Ärger einzuhandeln. Ich bin so fertig, erschöpft, dass ich zu weinen beginne, aber es kommen nicht viele Tränen. Nichtmal richtig weinen kann ich. Auf dem Heimweg beginnt es zu regnen. Ich spüre es kaum, setze mich auf eine nasse Bank an der Straßenbahnhaltestelle. Es ist mir egal. Ich will nicht mehr. Auf dem letzten Stück meines Heimweges entlang den Straßenbahnschienen kommt mir im Dunkeln eine Straßenbahn entgegen. Ich denke, einen Schritt zur Seite und es wäre vorbei, wäre erlöst. Ich kann und will in dieser irren Welt nicht mehr leben müssen, möchte nur meine Ruhe haben. Aber dann fühle ich meine Notenmappe mit dem schönen Bachchoral darin und denke, dass eine Straßenbahn in der Innenstadt keine gute Idee ist, das tut nur weh, gibt Hämatome und Frakturen, aber keinen Exitus, dafür einen Haufen Ärger mit Krankenwagen, Polizei und womöglich Einweisung in eine geschlossene Psychiatrie. Und so gehe ich mit meinem Bachchoral geradeaus weiter und lasse die Bahn an mir vorbeifahren. Ich werde diesen Bachchoral am Sonntag singen, er ist der einzige Grund, wieder in diesen Chor zu gehen - und weiterzuleben.
An der Pyramide
Ich bin auf dem Heimweg und muss am Marktplatz umsteigen. Dort steht die Pyramide, das Grabmal des Stadtgründers. Um die Pyramide sind Pfosten aus Sandstein angebracht, die mit dicken, schweren Ketten miteinander verbunden sind. Schon als Kind hätte ich gerne auf einer dieser Ketten gesessen und ein wenig geschaukelt. Aber ich durfte es nicht, das wäre ja schließlich ein Grabmal und man macht sowas nicht. Und so sah ich immer ein wenig neidisch den Leuten zu, denen es nicht verboten wurde auf einer der Ketten zu sitzen. Die Pyramide ist ein beliebter Treffpunkt in der Stadt für Menschen, die sich verabredet hatten und außerdem befindet sich direkt daneben eine Straßenbahnhaltestelle, die stark frequentiert ist und so sah ich sehr oft jemanden auf einer der Ketten sitzen. Heute darf ich das endlich ebenfalls, wobei ich viele Jahre brauchte, um dies zu realisieren. Und so sitze ich, während ich auf meine Straßenbahn warte, auf einer der Ketten, habe die Augen geschlossen und schaukele. Ein paar Minuten lang fühle ich mich tatsächlich gut, ein Zustand, den ich nur selten erlebe. Ich höre Musik von Jaques Loussier, seine stilvoll verjazzte Version von Johann Sebastian Bachs Goldbergvariationen. Vor mir ist ein Marktstand mit Blumen: gelbe Sonnenblumen, orangefarbene Strelitzien und Gerbera und rote Rosen. Ab und zu öffne ich meine Augen, um nach der Straßenbahnanzeige zu sehen und sehe dabei die schönen Blumen in ihrer farblichen Harmonie. Aber gleich schließe ich meine Augen wieder und höre meine Musik und schaukele auf der Kette. Es ist gut und ich hoffe, dass die Straßenbahn Verspätung hat, damit ich diesen Zustand noch ein wenig auskosten kann.
Die fehlende Bank
Wieder einmal sitze ich auf einer der Pyramiden-Ketten und warte auf meine Straßenbahn. Eine junge Frau geht an mir vorbei und schaut sich suchend um. Seltsamerweise ist mir sofort klar, was sie empfindet, normalerweise kann ich mich nur schwer in andere Menschen hineinversetzen. Ebenfalls seltsam ist, dass ich auf ihre Ansprache reagiere, normalerweise scheue ich mich bei fremden Menschen, mit ihnen zu sprechen. Sie sucht die Sitzbank, die bisher immer an der Pyramide stand. Es irritiert sie so sehr, dass die Bank nicht da ist, dass sie stehen bleiben und sogar darüber reden muss. Ich kenne dieses Gefühl selbst sehr gut. Ich sage ihr, dass sie sich doch auch auf eine der Ketten setzen könne und dass man da sogar so schön schaukeln kann. Ebenfalls ungewöhnlich ist, dass sie dies tatsächlich tut, meist finden die Leute Dinge, die ich mag, für sich selbst inakzeptabel. So saßen wir einige Minuten nebeneinander auf den Pyramidenketten, bis die Straßenbahn kam. Die junge Frau kam mir vertraut vor in ihrer Art sich zu bewegen, zu sprechen und ihrem Empfinden. Ich glaube, an diesem Tag habe ich eine Autistin getroffen, eine verwandte Seele.
Distanzzonen
Ich sitze in der S-Bahn auf dem Heimweg. Ich habe mir extra einen Platz ganz hinten in der Bahn gesucht, einen der wenigen Einzelplätze, so dass sich keiner neben mich setzen kann. Die Bahn ist aber relativ leer und diese Gefahr bestünde gar nicht, aber dennoch ist mir der Einzelsitz lieber. So fahre ich nach Hause, höre die Bachkantate 21 an, schließe öfter die Augen, da die Sonne mich blendet und überlege, was ich zu Hause machen könnte. Plötzlich stellt sich ein Mann neben mich, ganz dicht an mich ran. Wenn eine Bahn voll ist, lässt sich dies nicht vermeiden, aber die Bahn ist ja relativ leer und so ist es mir unangenehm, dass dieser Mann sich so nahe an mich stellt. Normalerweise verhalten sich Menschen bei der Verteilung im Zug wie Elektronen eines Atomes, sie halten möglichst große Abstände zueinander. Sogar die Hund'sche Regel befolgen die meisten Menschen dabei, Doppelsitze werden zuerst einfach und dann erst doppelt besetzt, wie im Orbitalmodell. Aber dieser Mensch rückt mir unnötigerweise und unangenehm nahe. Er legt sogar seinen Arm auf die Rückenlehne meines Sitzes. Das ist für mich nicht mehr erträglich und so beuge ich mich nach vorne, mache mich ganz klein. Der Mann neben mir macht eine Geste, die zeigt, dass er mich für bekloppt hält. Das kränkt mich. Denn ich bin nicht verrückt. Erstens ist er mir zu nahe gekommen und zweitens sieht das auch noch wie eine Umarmung aus, was ich keinesfalls möchte. Das hat nicht einmal etwas damit zu tun, dass ich als Autistin zu viel körperliche Nähe nicht mag, das würde kein Mensch gerne mögen. Meine Chorfreundin Susanne legt auch öfter ihren Arm auf meine Stuhllehne. Aber bei ihr stört es mich nicht, ich mag sie und sie ist dabei auch nicht aufdringlich. Aber bei diesem fremden Mann ist die Situation für mich inakzeptabel und dass er mich auch noch für verrückt hält, ist der Gipfel. Ich tue so, als bemerke ich es nicht und warte, bis ich aussteigen muss. Ich fühle mich heute stark genug, etwas zu sagen, um mich zu wehren, an den meisten Tagen kann ich dies nicht. Aber einer Konfrontation bin ich keinesfalls gewachsen, also warte ich. Das ist eine Taktik, die ich schon öfter anwandte. Ich warte ab, sage, was ich denke, verblüffe oftmals damit das Gegenüber und gehe dann, ohne diesem eine Chance zu geben, darauf zu antworten. Diskussionen wären sinnlos und für mich ein unnötiger Kraftaufwand. Da ich dabei erfahrungsgemäß immer als der Verlierer daraus hervorgehe und das in mir noch jahrelang weiter arbeitet, versuche ich solche Diskussionen zu vermeiden. So mache ich es bei diesem Mann. Ich sage ihm, er solle in seinem Lexikon mal nachschlagen, was Distanzzonen sind. Direkt zu sagen, er solle mir nicht so nahe kommen, kann ich nicht, da befällt mich die Sprachlosigkeit. Aber indirekt kann ich das und mit diesem Satz hatte ich schon einmal Erfolg. Ich speichere gehörte oder bereits angewandte Satzteile und ganze Sätze in meinem Gehirn ab und setze sie beim Sprechen und Schreiben wie aus einem Baukasten zusammen. Viele Menschen halten mich für sprachgewandt, aber es ist einfach nur die Anwendung meines Sprachbaukastens, mit der ich mich ausdrücke. Die Bausteine erhalte ich beim Lesen, Zuhören und Selbstkonstruieren, wobei ich eine Vorliebe dafür habe, Dinge und Sachverhalte durch den Gebrauch ungewöhnlicher Synonyme (oftmals Fremdwörter) und Definitionen zu beschreiben. Viele halten mich daher für arrogant, unterstellen mir, ich gebrauche Fremdwörter, um damit anzugeben. Aber das ist nicht der Fall. Es macht mir einfach Spaß, mit der Sprache zu spielen wie mit einem Baukasten und für viele Dinge, die mich beschäftigen, genügt ein einfacher Wortschatz schlichtweg nicht. Dieser distanzlose Mann versteht nicht, was ich zu ihm sage. Er gestikuliert wieder, ich sei bekloppt, sucht Kontakt zu den umsitzenden Fahrgästen, um seine Meinung über mich durch deren Zustimmung manifestieren zu können und ich werde nun wütend und sage sehr laut, dass nicht ich bekloppt sei, sondern er. Dass er wohl noch nie ein Lexikon in der Hand, geschweige denn darin gelesen hatte, behalte ich besser für mich. Es ist gut, dass ich nun aus der S-Bahn aussteigen kann und ich versuche meine innere Ruhe wiederzufinden, schotte mich ab gegen diese Welt und bin einmal wieder darin bestätigt, dass es nicht unbedingt erstrebenswert ist, neurotypisch zu sein.
Urlaubszeit
Es ist Sommer und viele haben Ferien, auch unser Chor hat Ferien, es finden keine Proben statt. Fast alle fahren in Urlaub nach Italien, Spanien und sonstige Orte. Sie haben irre viel Geld dafür bezahlt, womöglich ein ganzes Jahr dafür gespart und noch mehr Stress, um in Urlaub fahren zu können. Der Urlaub musste gebucht werden und überall gibt es Werbung für Urlaubsangebote und Fernsehsendungen über missglückte Urlaubsreisen. Es wird beklagt, dass es nur Sekt anstatt des angepriesenen Champagners gab, dass die Betten zu klein seien und sonstige Mängel. Manche Urlauber haben das Problem, dass ihr Urlaubsanbieter Konkurs ging und sie nun in einem fremden Land ohne Unterkunft und Rückflugmöglichkeit festsitzen. Und all dieser Stress und Ärger und das viele Geld nur dafür, dass man in der Sonne liegen kann. Da frage ich mich, wozu die Leute dies alles auf sich nehmen. In der Sonne liegen kann ich doch auch hier zu Hause. Es ist derselbe Stern, dessen Photonen ich hier abbekomme. Man kann sich auf den Balkon oder in den Schlossgarten legen und es gibt mehrere Schwimmbäder in der Stadt, sauber und den deutschen Standards entsprechend, wie sie es ja alle verlangen. Und vor allem dünkt es mir wirklich abstrus, sich darüber zu beklagen, dass man nur Sekt bekam und keinen Champagner, dass das Bett zu klein sei. Es gibt Menschen, die nicht einmal ein eigenes Bett haben und Champagner und Sekt noch niemals getrunken haben, geschweige denn dass sie diese Flüssigkeiten schreiben können. In Somalia verhungern Menschen, wehrlose Kinder, sie haben kein sauberes Wasser und die Menschen hierzulande regen sich über ein zu schmales Bett auf und dass das Essen nicht geschmeckt hat. Ich verstehe dies nicht. Es geht uns hier so gut, man findet alles in den Supermärkten und man wird davon mehr als satt. Es gibt ein solch reichhaltiges Angebot, dass ich völlig überfordert damit bin. Und ich habe eine schöne Wohnung mit einem gemütlichen Bett und alle meine Bücher sind hier. Wir haben fließendes Wasser mit mehreren Zapfstellen in der Wohnung, während andere Menschen kilometerweit laufen müssen, um Wasser zu holen, das sie krank macht. Und das Wasser bei uns ist sauber und man kann es bedenkenlos trinken. Warum also sollte ich in ferne Länder reisen, um dort meine Ferien zu verbringen? Mal ganz abgesehen davon, dass ich es mir nicht leisten könnte, möchte ich gar nicht in Urlaub fahren. Ich habe hier zu Hause alles, was ich brauche und es kostet nichts extra und ich habe keinen Stress mit Anreise, Fremdsprachen und sonstigen Dingen. Hier kann ich mich erholen und wenn ich wollte, könnte ich in der Sonne liegen. Es ist derselbe Stern.
Alles ist anders
Ich fahre mit der Straßenbahn durch die Stadt und ich vermisse die Stadt, wie sie mal war. Überall sind Baustellen, sogar Häuser, die da standen, sind einfach abgerissen und viele Läden gibt es nicht mehr, dafür sind andere Läden da. Dabei sehe ich noch die alten Bilder vor mir und wünsche mir, dass es einfach wieder so ist wie damals. Besonders traurig bin ich darüber, dass Bäume, die mir seit meiner Kindheit vertraut sind, gefällt wurden. Jahrzehntelang spendeten sie mir Schatten und nun sind sie weg. Es waren schöne, gesunde, stabile Platanen, die dem Bau eines U-Bahn-Tunnels zum Opfer gefallen sind. Sogar meinen Lieblingsbaum am Ettlinger Tor haben sie gefällt. Er ist nicht mehr da, ein Vertrauter, der mir fehlen wird. Diese ganzen Veränderungen gehen mir zu schnell, die Menschen scheinen immer hektischer zu leben und ich frage mich, was das alles soll. Und ich komme mit dieser Geschwindigkeit nicht mit, als hätte man mich einfach abgehängt wie den Waggon eines Zuges, der veraltet ist. Ich fühle mich alt und als sei ich aus einer anderen Zeit, vielleicht sogar aus einer anderen Welt. Der Wocheneinkauf ist mal wieder fällig und ich fahre zum CAP-Markt. Der Weg ist zwar ein wenig weiter als zum benachbarten Supermarkt, aber im normalen Supermarkt ist es so hektisch, dass ich diese meide, wenn es geht. Im CAP-Markt geht es etwas ruhiger zu und sie räumen dort nicht ständig um. So kann ich meinen Einkaufszettel so schreiben, dass die benötigten Waren in der Reihenfolge darauf stehen, so dass ich nur eine Runde durch den Laden gehen muss und nicht chaotisch im Zick-Zack umherfahre, wie das die meisten anderen Leute tun. Ich kann mir den Laden bildlich vorstellen und so meine Liste schreiben bzw. ich brauche die Liste für einen normalen Wocheneinkauf gar nicht mehr, da ich in der Regel immer die gleichen Sachen kaufe. So gehe ich auch dieses Mal mit meinem Einkaufswagen durch den Laden. Ich möchte Tomaten kaufen und stehe vor der Theke und kann mich nicht entscheiden. Warum gibt es acht Sorten Tomaten? Und jede Verpackung hat ein anderes Gewicht und einen anderen Preis, so dass ich viel zu rechnen habe, welches die günstigsten Tomaten sind. Ich bin wirklich rat- und sprachlos angesichts dieses Angebotes und brauche eine Weile, mich zu entscheiden, welche Tomaten ist kaufen soll. Dieses Mal ist der Laden voller als sonst und es stresst mich sehr, an der Wursttheke so lange warten zu müssen und dass sich mal wieder jemand vordrängelt und ich keine Worte finde, mich dagegen zu wehren. Ich möchte meine Tomatensauce kaufen, die billige ohne Marke, die teuren könnte ich mir nicht leisten und müssen auch nicht sein und die billige schmeckt mir sowieso besser. Aber dieses Mal finde ich meine Tomatensauce nicht. Ich scanne zweimal das Regal ab, kann aber nicht das vertraute Glas mit dem bedruckten Papier finden. Nach einer Weile finde ich meine Tomatensauce. Wieso mussten die die Form des Glases und das Design der Banderole verändern? Wieso muss sich immer alles ständig verändern? Warum kann mal nicht einfach etwas so bleiben wie es ist? Das bringt mich so durcheinander, dass ich vergesse, auf dem Weg zur Kasse die Nudeln in meinen Wagen einzuladen. An der Kasse muss ich lange in der Schlange stehen und das flimmernde Neonlicht, die vielen Menschen und das Gepiepse der Kasse stressen mich enorm. Immerhin bemerke ich, dass ich die Spaghetti vergessen habe und hole sie noch schnell. Ich bin so gestresst, dass ich ungeduldig hin- und herwippe und selbst die Musik aus dem MP3-Player kann mich nicht mehr schützen. Ich beginne zu schwitzen und würde mich am liebsten verkriechen, ich schließe meine Augen, aber ich kann dieser Situation nicht entrinnen. Es kostet mich viel Kraft, mich zu beherrschen und als ich endlich drankomme, bin ich erleichtert. Aber der Kassierer ist unkonzentriert, lässt sich dauernd ablenken von anderen Kunden und Kollegen, lässt sich sogar minutenlang von diesen aufhalten und ich gerate immer mehr unter Stress, ich will hier raus und der bummelt herum. Und dann vertippt er sich noch, so dass die Kaufsumme auf über zweihundert Euro kommt und nun bricht es aus mir heraus und ich rüge den Kassierer, dass man bei einer Sache bleiben sollte, ehe man eine andere beginnt. Er versucht sich mit vielen Worten herauszureden, aber ich sage nur noch, dass mir das jetzt alles zu viel ist, lasse mir mein Wechselgeld geben und ergreife die Flucht. Meinen Rucksack packe ich vor dem Laden, keine Sekunde länger mehr ertrage ich die vielen Menschen, das flimmernde Neonlicht und das Kassengepiepse. Wenn doch die NTs auch nur ein paar der Strategien anwenden würden, die wir Autisten entwickeln müssen, um überleben zu können, wären sie nicht so chaotisch und stressig. Ich mag dem jungen Mann mit meiner Rüge Unrecht getan haben, aus eigener Erfahrung weiß ich ja, wie schlimm es ist, an einer Kasse zu arbeiten, jeder will was, ständig kommen Zwischenfragen und man muss irgendwie allen gerecht werden und auch noch richtig tippen. Aber ich habe damals an der Kasse, wenn es mir zuviel wurde, einfach gesagt, ich mache eines nach dem anderen und ich ließ einen Zwischenfrager warten. Das passte den Leuten natürlich nicht, aber ich konnte es anders einfach nicht schaffen und ehrlichgesagt fand ich es dem Kunden gegenüber, den ich gerade abkassierte, auch höflicher, dass ich mich nicht ständig zwischenrein von anderen Kunden und Kollegen unterbrechen ließ. Und ich würde auch niemals auf die Idee kommen, einen Kassierer mitten in seiner Arbeit mit einer Frage abzulenken, erstens weil das seine Arbeit stört und zweitens, weil es dem abzukassierenden Kunden gegenüber unhöflich wäre, mich hier hineinzudrängeln.
Advent
Es ist der dritte Advent und unser Chor soll im Gottesdienst singen. Ich bin eine der ersten auf der Orgelempore und sukzessive treffen alle Chorsänger ein, um vor dem Gottesdienst nochmals eine kleine Probe abzuhalten und zum Einsingen davor. Es ist noch etwas Zeit und ich stehe am Geländer der Orgelempore, schaue in die Kirche und hänge meinen Gedanken nach, als mich eines der eintreffenden Chormitglieder anschnauzt, weil sie mich gegrüßt und ich nicht erwidert habe. Ich gebe brav wie ein kleines, zurechtgewiesenes Kind meinen Morgengruß ab und ärgere mich. Ich ärgere mich nicht, dass ich sie tatsächlich nicht wahrgenommen hatte, ich habe diese Wahrnehmung schon seit 40 Jahren und kenne es nicht anders, sondern ich ärgere mich über diese Zurechtweisung. Mal wieder ging man mit mir um und redete mit mir wie mit einem dummen, kleinen Kind. Und ich ärgere mich darüber, dass diese Frau, die mich schon über 20 Jahre kennt und wissen sollte, dass ich frühmorgens noch nicht so gesprächig bin und das keine Unhöflichkeit meinerseits ist, glaubt, ich sei unhöflich und ungezogen und es ärgert mich, dass sie sich derart über mich stellt und mich zurechtweist. Wieso kommt jemand dazu, so etwas zu tun? Ich würde doch auch nicht jemanden so zurechtweisen, nur weil er mich oder ein Wort, das ich an ihn richte, nicht hörte oder wahrnahm. Aber ich schweige, wehre mich nicht. Ich kann es nicht. Und das ist ein Umstand, der mich immer wieder traurig stimmt. Mir fehlen die Fähigkeiten, mich abzugrenzen, mich zu wehren und mich durchzusetzen, sowohl im Privat- als auch Berufsleben. Ohne diese Fähigkeiten kommt man nicht weit, wird dominiert und sogar ausgenutzt und die eigenen Bedürfnisse bleiben auf der Strecke. So viele Male ist mir dies passiert und es ist frustrierend, zu wissen, dass dies zukünftig auch immer wieder geschehen wird.
Weihnachtsmarkt
Ich möchte ein kleines Geschenk für eine Freundin kaufen und ich weiß auch schon was ich ihr schenken möchte: ein kleines Glastierchen vom Weihnachtsmarkt. Ich weiß, wo der Stand steht, an dem es die Glastierchen gibt und ich bin froh, dass der Stand am Rande des Weihnachtsmarktes liegt und nicht mittendrin. So bleiben mir drängelnde Menschenmassen einigermaßen erspart. Es ist mir ein Rätsel, wieso die Leute so gerne bei Kälte und Regen dichtgedrängt neben anderen Leuten stehen und Glühwein in Massen trinken. Ich verstehe einfach nicht, was daran so toll ist, so viel Ethanol zu incorporieren und dabei das Gelalle anderer betrunkener Leute anzuhören, zumal das, was da als Glühwein verkauft wird, mit Sicherheit von äußerst minderer Qualität ist und zudem auch noch übermäßig viel Geld kostet. Das könnte man doch viel preisgünstiger und gemütlicher haben, indem man sich zu Hause einen Glühwein zubereitet und diesen im warmen Wohnzimmer auf einem gemütlichen Sessel sitzend genießt. Bevor ich das Geschenk kaufe, muss ich noch schnell zum Geldautomaten und ein paar Euro abheben. In der Sparkasse ist eine lange Schlange bis raus auf die Straße, als ob es heute das Geld umsonst gäbe. Als ich endlich mein Geld habe, gehe ich zielstrebig zu dem Glastierchenstand, kaufe ein hübsches rotes Glaspferdchen und freue mich schon auf die Reaktion meiner Freundin, die sich sicher darüber freuen wird. Es regnet inzwischen in Strömen und ich warte an der Straßenbahnhaltestelle auf meine Bahn, die wegen einer Betriebsstörung lange auf sich warten lässt. Das finde ich gar nicht so schlimm, ich habe Geduld und meinen MP3-Player dabei und höre das Weihnachtsoratorium von Bach. Der Regen stört mich auch nicht, ich habe ein gut funktionierendes Immunsystem und meine schlechte Körperwahrnehmung ist in dieser Situation vorteilhaft, denn ich spüre die Kälte nur marginal. Dennoch wird die Wartezeit für mich zur Qual. Ständig gehen Besucher des Weihnachtsmarktes an mir vorbei, viele halten keine Distanzzonen ein, was mir äußerst unangenehm ist und einige rempeln mich sehr rücksichtslos an. Besonders widerlich finde ich die Leute, die mit einem Regenschirm unterwegs sind und dieses Teil nicht unter Kontrolle haben. Mehrmals hintereinander bekomme ich einen Regenschirm an den Kopf geschlagen und mein Unbehagen steigt ins Unermessliche. Ich bin inzwischen so angespannt, dass ich einen mich anrempelnden Passanten anbrülle. Aber dies verschafft mir kaum Erleichterung und ich mag so nicht sein. Die Situation ist für mich so qualvoll, dass ich einfach nur noch weg will und ich bin sehr erleichtert, als die Straßenbahn endlich kommt und mich nach Hause bringt.
Silvesterkonzert
Wie jedes Jahr gibt es in unserer Kirche ein schönes Konzert am Silvesterabend. Ich wurde gebeten, ein wenig beim Kartenverkauf am Eingang zu helfen und da ich an diesem Abend nichts weiter vor habe, mache ich dies gerne. So darf ich mir in der Kirche einen freien Platz suchen, um das Konzert anhören zu können. Unter anderem soll es die Chaconne von Bach in einer Bearbeitung für Orgel geben. Ich liebe dieses Stück sehr. Die erste Hälfte des Konzertes sitze ich auf der Stufe eines der Eingänge, da ich in der vollbesetzten Kirche kurz nach Konzertbeginn keinen Platz finde und durch weitere Suchaktionen niemanden stören möchte. Aber das stört mich nicht, denn die Kirchenbänke sind nicht sonderlich bequem und auf meiner Stufe sitze ich besser als auf einer der Bänke. Dennoch gelüstet es mich, näher bei der Orgel zu sitzen und so schlüpfe ich in einer Pause, in der der Organist dem Publikum etwas erzählt, auf die Orgelempore. Am liebsten würde ich ja in die Orgel kriechen und die Musik im Bauch dieses riesigen Organismus erleben. Aber das kann ich während eines Konzertes nicht machen, also setze ich mich neben die Orgel hinter den Paravent, der auf der Orgelempore steht, um dahinter den Kleiderständer zu verbergen, an den die Chorsänger ihre Mäntel hängen können. Nun verberge ich mich dahinter und ich finde das genial, denn so bekomme ich das viele helle Licht, welches mich blendet, nicht ab und ich kann mich hinsetzen, wie ich mag und sogar mit dem Oberkörper im Takt der Musik schaukeln, ohne dass dies jemand sieht und ich kann in einem Konzert endlich mal sein, wie ich mag und muss mich nicht beherrschen, mich anständig im Sinne der Mehrheit zu benehmen, sehr oft würde ich mich einfach gerne hinlegen, der immerwährenden Anstrengung des Seins damit ein Stück entfliehen, aber das geht nicht. Und während ich hinter dem Paravent liege, stelle ich fest, wieviel mehr ich so die Musik genießen kann, wieviel Aufmerksamkeit und Kraft es mich sonst kostet, "normal" zu sein und wieviel mir das an Aufmerksamkeit für die Musik nimmt. Es ist wunderbar, heute meine Aufmerksamkeit nicht an konformes Verhalten zu verschwenden und ganz der Musik hingeben zu können. Es gelüstet mich, die Musik nicht nur mit den Ohren, sondern mit dem ganzen Körper wahrzunehmen und so lege ich mich auf dem Holzboden auf den Bauch und spüre die Vibrationen der Orgelklänge. Ich schließe meine Augen und es ist einfach fabelhaft. So müsste man jedes Konzert erleben dürfen. Nach dem Konzert fahre ich nach Hause und muss dazu an der Straßenbahnhaltestelle warten und einmal umsteigen. Dabei begegnen mir viele Leute in mehr oder weniger alkoholisiertem Zustand. Manche tragen die Spirituosenflaschen direkt mit sich herum und viele von ihnen benehmen sich äußerst auffällig, lallen herum und haben ihre Extremitäten nicht mehr unter Kontrolle. Aus einer angekommenen Straßenbahn fällt ein junger, sehr betrunkener Mann regelrecht heraus und seine Freunde lehnen ihn an einen Strommasten. Alleine wäre er wohl nicht mehr imstande zu stehen und selbst mit meinen begrenzten medizinischen Kenntnissen kann ich erkennen, dass dies ein Fall für die Notaufnahme einer Klinik wäre. Ich kann einfach nicht verstehen, wieso Menschen sich derart betrinken und was daran so toll ist. Es laufen auch viele Leute durch die Stadt, die noch nüchtern sind. Dafür haben sie diverse Silvesterknaller dabei. Manche schleppen riesige, damit gefüllte Tüten mit sich herum und selbstverständlich wird der eine oder andere Feuerwerkskörper auch gezündet. Ich erschrecke jedesmal und auch hier frage ich mich, was an diesem Tun so toll ist. Zum Jahreswechsel ein paar Wunderkerzen abzubrennen oder zwei bis drei Raketen abzuschießen, mag noch vergnüglich und auch finanziell tragbar sein, aber diese Massen an Feuerwerkskörpern, die an diesem Abend gezündet werden, kann ich einfach nicht nachvollziehen. Ich bin froh, als ich zu Hause ankomme und die Tür hinter mir schließe. Heute möchte ich nur noch meine Ruhe haben.

2012

Pflichten
Ich bin mal wieder dran, die große Hausordnung zu machen. Jeder Mieter im Haus muss als Bestandteil des Mietvertrages diese Pflicht erfüllen. Seit letztem Jahr gibt es einen Jahresplan, so dass man genau weiß, wann man dran ist. Das ist gut, so kann ich mich darauf einstellen. Dennoch habe ich es die ganze Woche vor mir hergeschoben, ich kann mich einfach nicht aufraffen, alles kostet so viel Kraft und die große Hausordnung ist jedesmal wie eine unüberwindliche Hürde, schon der Gedanke daran ist anstrengend. Die ganze Woche hat es geregnet, so dass ich zumindest für das Fegen des Hofes eine Ausrede habe, dass ich es nicht getan habe. Bei nassem Boden kann man nicht fegen. Aber ich muss meine Treppe putzen und die Treppe zum Hof und den Keller und die Kellertreppe feucht aufwischen. Es ist bereits Sonntagabend und nun muss ich das machen, ab morgen ist meine Nachbarin im Erdgeschoss dran und ich kann mich ja nicht in die Liste eintragen, ohne die Treppen geputzt zu haben, das wäre unfair. Also raffe ich mich irgendwie auf, fülle meinen Putzeimer mit Wasser, gebe ein paar Tensidmoleküle hinzu und ergreife den Wischmop. Ich putze meine Treppe oben und gehe hinunter ins Erdgeschoss, wo ich die Treppe zum Hof putze. Da ich gedanklich immer viel im Voraus plane, habe ich meinen Kellerschlüssel am Band um den Hals hängen und bin mal wieder froh über diese Angewohnheit, die mich davor verschont, die 92 Stufen hochlaufen zu müssen, um den Schlüssel zu holen. Viele Leute finden meine Art, alles vorher zu überdenken und zu planen, anstrengend und lästig, mir aber gibt sie Sicherheit und bewahrt mich vor noch mehr Anstrengung im Alltag. Dieser ist an sich schon so anstrengend, dass ich für jede kleine Arbeitserleichterung dankbar bin. Kurz nachdem ich damit begonnen habe, die Kellertreppe feucht zu wischen, kommen mir Zweifel an meinem Tun. Es kommt mir vor, als machte ich diese Treppe nur nass. Ich frage mich ernsthaft, wieso diese Treppe überhaupt jede Woche geputzt werden muss, so oft geht man doch gar nicht in den Keller und so schmutzig sieht sie doch auch gar nicht aus. Ich stelle mir die Bestandteile des Schmutzes molekular vor und überlege, dass es doch gar keinen Schmutz gibt. Das ist lediglich Materie, die der Mensch da nicht haben will. Aber die Atome, aus denen diese Materie besteht, sind doch die gleichen, wie die Atome aus denen wir selbst bestehen, sie sind auf dieselbe Art entstanden, womöglich zur selben Zeit und sogar im selben Stern. Atome entstehen in Sternen durch Kernfusion. Zu Beginn seines Lebens entstehen in einem Stern, der zu dieser Zeit gänzlich aus Wasserstoff besteht, Heliumkerne. Ist der Wasserstoff verbraucht, entstehen die schwereren Atomkerne. Bei diesen Gedanken sehe ich das Hertzsprung-Russel-Diagramm wie ein Bild vor mir. Es zeigt die Entwicklungsverteilung der Sterne, indem der Spektraltypen der Sterne gegen deren absolute Helligkeiten aufgetragen sind. Bei der Kernfusion ist die Masse der entstehenden Atomkerne geringer als die Masse der Atomkerne, aus denen sie gebildet werden und dieser Massendefekt wird gemäß der berühmten Einstein'schen Formel in Energie umgewandelt. In diese Formel geht das Quadrat der Lichtgeschwindigkeit ein, so dass bei der Kernfusion in den Sternen sehr große Energiemengen in Form von Licht und Wärme freigesetzt werden. Auch die Atome, aus denen ich bestehe, sind so entstanden und letztlich bin ich nichts anderes, als ein Klumpen Materie, der in der Lage ist, über sich selbst nachzudenken. Dies ist, genau betrachtet, sehr kurios. Und ich Aggregat Materie maße mir an, darüber zu urteilen, dass andere Materie keine Daseinsberechtigung habe, indem ich sie erstens abwertend als Schmutz bezeichne und sie zweitens zu beseitigen versuche. Was mache ich da eigentlich? Inzwischen bin ich am Ende der Kellertreppe angelangt und nun muss ich nur noch den Kellergang feucht aufwischen. Dabei dünkt es mir, dass ich auch diesen nur feucht mache und das, was wir als Schmutz bezeichnen lediglich von Punkt A nach Punkt B verschiebe bzw. die Materie umverteile. Aber ich habe meine Pflicht erfüllt, zeichne in der Liste, die im Treppenhaus hängt, mit Datum und meinem Namen ab und bin froh, dies für die nächsten fünf Wochen erledigt zu haben.
Hühner
Ich bin auf dem Heimweg von der Arbeit. Da ich heute viel zu tun hatte, gönne ich mir, anstatt mit dem Fahrrad mit dem Bus zu fahren und so entspanne ich während der Fahrt ein wenig. Ich höre gerade Mendelssohns 42. Psalm, ein wunderbares Chorstück und bin ganz in die Musik versunken. Meine Handtasche steht neben mir auf meinem Sitz. So schaue ich aus dem Fenster, wobei ich nichts fokussiere, es ist dieser Blick, ohne etwas wahrzunehmen, der Blick nach innen, denn in diesem Zustand ist meine Wahrnehmung für äußere Reize reduziert und ich kann ein wenig entspannen. Ich habe mich damit ein wenig aus dieser hektischen und irren Welt ausgeklinkt, nach Dienstschluss darf ich das. So viele Jahre habe ich es unterdrückt, weil ich dachte, ich dürfe es nicht. Inzwischen habe ich aber gelernt, dass ich es darf und dass es mir gut tut. Und so bemerke ich nicht sofort die junge Frau, die sich gerne auf den Sitz neben mir setzen möchte und die meine Tasche auf meinem Sitz stört. Sie wedelt mit einer Hand vor meinem Gesicht, so wie man es manchmal im Fernsehen sieht, während ihre Freundin, die mir gegenüber sitzt, schallend zu lachen beginnt. Sie unterhalten sich und den ganzen Bus mit ihrem Lachen. Sie lachen über mich und ich verstehe nicht, wieso. Normalerweise bin ich ein höflicher Mensch und hätte sofort meine Tasche auf meinen Schoß genommen und wäre näher ans Fenster gerückt, um die Frau Platz nehmen zu lassen. Aber in diesem Moment kann ich nicht. Ich bin unfähig, mich zu bewegen, der Gedanke, dass diese beiden mich auslachenden Personen in den nächsten zehn Minuten neben mir und mir gegenüber sitzen sollen, lähmt mich. Ja und ich habe ganz schlicht keine Lust, für so blöde Leute Platz zu machen. Ich habe diesen beiden nichts getan, aber sie machen sich während der ganzen Fahrt über mich lustig. Es ist die Sorte Mädchen bzw. Junge Frau, die ich für mich als Hühner bezeichne. Sie gackern und kichern, tragen alle die gleichen Handtaschen, Schuhe, Kleider und Frisuren der aktuellen Mode und somit sehen sie für mich alle gleich aus, ihre Gesichter könnte ich sowieso nicht unterscheiden. Sie treten in der Regel mindestens zu zweit auf und sie fühlen sich stark. Woher sie ihr Selbstbewusstsein nehmen, ist mir ein Rätsel, sind sie doch in vielen Fällen gerademal halb so alt wie ich selbst, treten aber auf wie Diven. Und wie Hühner hacken sie auf mir herum, sie lästern tatsächlich während der ganzen restlichen Busfahrt. Was sie genau sagen, bekomme ich nicht mit, ich habe ja meinen MP3-Player eingeschaltet und höre meine Musik und das ist gut so. Was die da ablassen, muss ich nicht hören. Ich bleibe stumm und tue so, als würde ich sie weder hören noch sehen. Sollen sie sich doch abmühen ohne Erfolg, sollen sie weiterlästern. Letztlich sind sie diejenigen, welche lächerlich sind, nicht ich. Ich bin durch meine Musik ein wenig abgeschirmt und nach einiger Zeit schließe ich einfach meine Augen, ich mag nichts sehen, möchte einfach nur meine Ruhe haben. Ich lasse nur die Musik in mich dringen wie in Bachs Motette "Jesu meine Freude", BWV 227, wo es an einer Stelle heißt: "Ich stehe hier und singe, in gar sicherer Ruh', ob es itzt gleich kracht und blitzt."
Äpfel, Birnen und Atombusen
Ein Sprichwort, welches viele Leute immer wieder gebrauchen beinhaltet den Vergleich von Äpfeln und Birnen. Sie meinen damit, den Vergleich zweier grundverschiedener Dinge. Ich verstehe das nicht. Birnen und Äpfel sind beide Früchte eines Rosengewächses und nicht nur miteinander verwandt, sondern auch sehr ähnlich im Erscheinungsbild und Aufbau. Um das zu sagen, was sie meinen, sollten die Leute doch besser Äpfel mit Kirschen oder Walnüssen vergleichen, es wäre viel differenter. Auch die Bezeichnung "Atombusen" für ein üppiges Exemplar sekundärer, weiblicher Geschlechtsorgane ist gänzlich falsch in zweierlei Hinsicht. Der Busen ist lediglich die Stelle zwischen den Brüsten und ein Atom ist doch winzig klein und somit nicht im Verhältnis stehend zu den Milchspendern.
Kälte ist relativ
Es ist nun richtig kalt geworden. Die Leute frieren und schimpfen, dass es so kalt sei. Aber die Temperaturen liegen nur einige Grade unter dem Gefrierpunkt des Wassers, so kalt ist das doch gar nicht. Und warum schimpfen sie so? Ändern können wir Menschen das doch sowieso nicht, wozu also Energie auf diese Art verschwenden? Diese Energie stecke ich besser in die Aufrechterhaltung meiner Körpertemperatur. Ich lasse mich auf die Kälte ein und schon nach einem Tag habe ich mich daran gewöhnt. Nein, ich habe mich nicht nur an die Temperatur gewöhnt, ich fühle mich sogar wohl dabei und ich nehme es gar nicht richtig wahr, wenn mir etwas kalt wird. Man nennt diesen Zustand übrigens Winter. Manche Leute steigern sich da regelrecht hinein, während ich es einfach hinnehme. Allen, die sich beklagen, möchte ich sagen, dass es ihnen doch gut geht. Wir haben Kleidung, geheizte Wohnungen und fließendes, warmes Wasser an mehreren Zapfstellen in der Wohnung. Wir haben Herde und Wasserkocher und können uns jederzeit heiße Getränke und Nahrung zubereiten. Sogar die Autos und Züge sind beheizbar, manche haben sogar eine Sitzheizung im Auto. Und die meisten von uns arbeiten in geheizten Räumen und sie sind praktisch nur auf dem Weg vom Haus ins Auto und vom Auto zum Büro im Freien und damit nur äußerst kurz der winterlichen Kälte ausgesetzt. Was sollen denn da jene sagen, die im Freien arbeiten müssen, tagtäglich. Oder jene Menschen, die in wirklich kalten Orten der Erde leben? Angesichts der Temperatur im Weltall sind doch die Temperaturen bei uns auf der Erde in unseren Breiten wirklich moderat. Man spricht nicht umsonst von den gemäßigten Breiten, denn die Temperaturen hier-zulande sind weit entfernt vom Absoluten Nullpunkt (=0K=-273°C) bzw. den 3 K Hintergrundstrahlung, die im Weltall herrschen und das ist wirklich kalt.
Der Engel in der Warnweste
Ich bin auf dem Weg zum Autismus-Kongress in Frankfurt. Ich fahre gerne mit dem Zug, alles habe ich gut vorbereitet und so erwarte ich, dass ist stressfrei zum Veranstaltungsort komme. Dafür habe ich mir die Wegbeschreibung ausgedruckt und ich denke, dass somit alles gut gehen müsste. Aber ich habe mich geirrt. Kaum bin ich aus dem Zug am Hauptbahnhof in Frankfurt ausgestiegen, werde ich überströmt von optischen, akustischen und olfaktorischen Reizen. Die Menschen um mich sind unglaublich hektisch und innerhalb weniger Sekunden bin ich sehr gestresst. Dennoch versuche ich, ruhig zu bleiben. Es ist ja noch genug Zeit, ich hatte ja extra eine Zugverbindung ausgewählt, die mir genug Zeit gibt, den Weg vom Bahnhof zum Veranstaltungsort zurückzulegen. Es ist eine Fachtagung und somit bin ich etwas schicker als sonst gekleidet und an den Füßen habe ich Schuhe mit einem höheren Absatz, so dass ich beim Gehen nicht die gewohnte Sicherheit habe und meine Füße schmerzen sehr schnell, so dass ich zusätzlichen Stress habe und nur noch ankommen möchte. Ich ströme mit der Masse mit zum Ausgang. Man merkt, dass Frankfurt viel größer ist als Karlsruhe, wo es doch ein wenig gemütlicher zugeht, ich bin überwältigt von der Hektik und den vielen Sinneseindrücken. Da sind so viele Details am Bahnhofsgebäude, die ich im vorbeirauschen erblicke, teilweise nur schnell aus dem Augenwinkel. Das ist anstrengend und es ist keine Zeit, stehen zu bleiben und sich damit zu befassen. So gehe ich weiter zum Bereich, wo die U-Bahnen abfahren. Auf der Wegbeschreibung des Veranstalters steht, ich müsse mit der Linie U6 oder U7 zur Alten Oper fahren. Ich finde die Treppen zu den Gleisen für die U4 und U5, ich finde weitere Treppen, ich suche, aber ich finde nirgends eine Abfahrtmöglichkeit für die mir angegebenen Linien. Ich bin verzweifelt und überwinde mich, einen Passanten zu fragen, wie ich zur Alten Oper komme und wo die U-Bahn abfährt. Aber ich bekomme keine Antwort. Die zweite Passantin kennt sich nicht aus und antwortet mir etwas Unverständliches. So gebe ich resigniert auf, die Leute hier kennen sich in ihrer eigenen Stadt nicht aus. Einen Liniennetzplan kann ich nirgends finden, so sehr ich auch danach suche. So gehe ich einfach hinunter zur nächsten U-Bahn-Haltestelle, in der Hoffnung, dort einen zu finden, irgendwie muss ich doch zur Alten Oper kommen. Unten angekommen, rast gerade eine U-Bahn heran. Ich denke an die Stromschienen, dass immer wieder Leute unvorsichtig sind und auf den Gleisen herumturnen und ich denke daran, dass man mit so einer schnellen U-Bahn erfolgreich einen Suizid praktizieren könne, am besten weiter drinnen im Tunnel, wo es dunkel ist und keiner mitbekommt. Ich zwinge mich, diesen Gedanken zu verwerfen und mich auf den inzwischen gefundenen Liniennetzplan zu konzentrieren, mich zu orientieren. Hier gibt es keine Sonne, an deren Stand ich die Himmelsrichtung bestimmen könnte und so bin ich eine Weile beschäftigt. Und plötzlich steht er neben mir, ein kleiner, etwas gedrungener Mann mit einer orangefarbenen Reflex-Warnweste. Er spricht mich an und dutzt mich dabei. Im ersten Moment bin ich davon nicht begeistert und da er einen starken Akzent spricht, verstehe ich ihn anfangs auch nicht. Aber ich merke, dass er mir helfen möchte und er ansonsten nichts von mir will. Und er hat Geduld mit mir in meinem aufgelösten Zustand. Er erklärt mir ausführlich, wie ich zur Alten Oper komme und weicht nicht mehr von meiner Seite. Er steigt mit mir in die S-Bahn und sagt mir, wann ich umsteigen muss. Er steigt ebenfalls aus und erklärt mir, dass er seit 25 Jahren bei den Verkehrsbetrieben Frankfurt arbeite. Er zeigt mir, auf welches Gleis ich nun gehen muss, um endlich die U6 zur Alten Oper zu erwischen, dann verabschiedet er sich. Sicher hätte ich meinen Weg auch alleine gefunden, aber dennoch bin ich ihm sehr dankbar, dass er ein Stück des Weges mit mir ging und mir den restlichen Weg gewiesen hat. Ich glaube nicht an Engel im Himmel, nackige, adipöse Putten oder Gestalten im wallenden Gewand mit Flügeln, aber in Form dieses Menschen in Arbeitskleidung ist mir wohl ein Engel begegnet.
Antriebslosigkeit
Ich bin auf dem Heimweg und sitze in der S-Bahn. Ich war einen Nachmittag in der Pfalz im Stall bei meinem Pflegepferd. Da es in Karlsruhe und in der direkten Umgebung keinen Stall gibt, wo man mich mit meiner Andersartigkeit akzeptiert und/oder wo ich mich als Autistin wohl fühlen kann, nehme ich die weite Strecke gerne in Kauf. Der Stall ist nicht zu groß, alles ist aufgeräumt an seinem Platz, so dass ich keinen zusätzlichen Stress mit dem Suchen habe und alles dort ist gut organisiert. Die Pferde werden artgerecht gehalten, was mir persönlich nicht unwichtig ist, denn ich möchte nicht meinen Spaß haben auf Kosten dieser sanften Wesen, die mir so viel geben und gute Pflege und Haltung ist das Mindeste, was wir ihnen dafür schuldig sind. Besonders wichtig ist mir auch, dass die Menschen im Stall nett sind und mich akzeptieren, wie ich bin. Ich habe da schon reichlich anderes erlebt bis hin zum Mobbing. Ich bin nunmal ein wenig anders in meiner Art zu gehen, zu sprechen und bezüglich meiner Interessen und auch wenn ich mich bemühe, entgegenkommend zu sein, kann ich diese Eigenschaften niemals ganz ablegen. Das wäre letztlich auch nicht sinnvoll, denn sie machen mit zu der Person, die ich nunmal bin und sie zu verleugnen und zu unterdrücken bedeutete, meine Persönlichkeit zu annulieren. Ich hatte derlei Versuche in der Vergangenheit unternommen, ja fast bis zur Verleugnung dessen, was mir wichtig ist und es ist mir nicht gut bekommen, so dass ich, diese Erfahrungen nutzend, dies besser unterlasse. Es war auch heute wieder ein netter Nachmittag im Stall, ich habe mich um mein Pflegepferd gekümmert, es geputzt, seinen Stall ausgemistet, bin mit ihm spazieren gegangen, habe im Stall ein wenig mitgeholfen, mich mit einigen anderen Reitern unterhalten und bei einer Reitstunde zugesehen. Es war ein schöner Nachmittag bei den Pferden im Stall. Und dennoch bin total erledigt und habe Rückenschmerzen, weil alles, was ich mache, egal ob schön oder weniger schön, mich anstrengt. Und nun sitze ich in der S-Bahn, völlig unbeweglich, regelrecht erstarrt seit einer knappen Dreiviertelstunde. Ich würde am liebsten nur so sitzen bleiben, mag mich nichtmal zurechtrücken, um bequemer zu sitzen oder den Lautstärkeknopf an meinem MP3-Player betätigen. Ich sehe mir mal wieder hilflos zu, wie ich völlig bewegungslos bin. Eigentlich hätte ich einige Haltestellen zuvor umsteigen sollen. Aber ich kam nicht hoch, meine Willensanstrengung genügte einfach nicht. So blieb ich sitzen und verschob das Umsteigen auf eine spätere Möglichkeit. Nun sitze ich schon über eine Dreiviertelstunde total erstarrt in dieser S-Bahn und der Gedanke, aufzustehen strengt mich an. Hinzu kommt, dass ich die ganze Fahrt ohne jegliche Regung dasaß und meine Gelenke steif geworden sind, es würde weh tun, sie nun wieder zu bewegen, das weiß ich aus Erfahrung und das hemmt mich zusätzlich. Kaum schaffe ich mit extremer Anstrengung des Geistes, mich einige Millimeter zu bewegen wird mir dies bestätigt, ich habe Schmerzen und diese unterdrücken den kleinen Funken Antrieb, so dass ich es wieder nicht schaffe, aufzustehen. Ich kämpfe mehrere Minuten, gleich kommt der Marktplatz, da muss ich aufstehen, es ist die letzte Gelegenheit zum Umsteigen, da muss ich aussteigen, in die nächste Straßenbahn einsteigen. Ich muss. Nein, ich will nicht. Doch, es muss gehen. Irgendwie schaffe ich es, mich zu erheben, stöhne dabei leicht, alles schmerzt und ich wünschte, ich läge bereits auf meinem Sofa oder im Bett. Aber ich habe noch den restlichen Heimweg zu schaffen. Ich versuche, nicht daran zu denken, denn schon das Darandenken ist anstrengend. Ich will nicht! Warum gibt mir keiner einen Gnadenschuss? Leidende Tiere werden normalerweise geschlachtet, aber da ist keiner mit einem Bolzenschussgerät. Warum ist immer alles so anstrengend? Für die meisten Leute scheint es geradezu eine Nebensächlichkeit zu sein, von einer Bahn in die nächste umzusteigen, für mich ist es mal wieder fast nicht zu schaffen und ich komme mir dabei so lächerlich vor. Mein Kopf ist voller Wissen, wichtigen und unwichtigen Dinge, Unmengen von Details, aber ich bin nicht in der Lage, die einfachsten Handlungen zu vollziehen. Die Welt erscheint mir wieder einmal äußerst paradox und ich schweige, da mir dies niemand glauben würde oder man mich sogar auslachte. Schon die Tatsache, dass ich diese Gedanken niederschreibe und sie somit für wichtig erachte, wäre für viele Menschen sicher ein Grund, mich zu verspotten.
Beliebtheitsskala
Wir haben Chorprobe und vor mir sitzt eine Person, die ich nicht mag. Sie hat mich in der Vergan-genheit behandelt wie ein dummes, kleines Kind und sogar laut im Chor gesagt, dass ich eines sei. NT-Frauen sind oftmals sehr empfindlich bezüglich ihres Alters oder Aussehens. Das kenne ich nicht. Ich bin nicht eitel in Äußerlichkeiten, aber wenn es um meinen Verstand geht, bin ich extrem empfindlich, wenn jemand diese in Worten und Taten in Frage stellt. Daher spreche ich seitdem mit dieser Person kein Wort mehr. Sie ist auch abgesehen von dieser Begebenheit eine unangenehme Person. Sie hat meist einen, gelinde gesagt, burschikosen Ton, mit dem sie andere herumkomman-diert. Wörter wie "Bitte" und "Danke" scheint sie nicht zu kennen. Ich erinnere mich sehr gut an die Worte meiner Worte meiner Oma, die mir sagte, dies seien die beiden wichtigsten Wörter und ich habe es nie vergessen. Ich schätze es sehr, höflich miteinander umzugehen und dabei sind eben jene Wörter obligatorisch. Diese Person im Chor kommt aber seltsamerweise mit ihrer widerlichen Art gut an und sie tut ihres dazu, indem sie jene, die sie für wichtig hält, ordentlich beschleimt. Ande-rerseits glaubt, sie, alles besser zu wissen, besonders in der Musik und das nur, weil sie ein Instru-ment spielt und entsprechend tritt sie auf. Ich habe als Kind nur ein wenig Blockflöte gespielt und mir später ein wenig Klavierspielen beigebracht, was aber nicht bedeutet, dass ich deshalb weniger musikalisch bin oder gar gänzlich unwissend bin. Im Gegenteil, ich habe sehr viel gelesen, weiß mehr über Bach als die Chormitglieder in Summe und ich bin ja auch ein guter Chorsänger gewor-den. Leider kann man aber mein Wissen und meine Musikalität nicht von außen sehen, keiner kann sehen, was ich an Wissen im Kopf habe und daher sage ich mitunter zu anderen Leuten, die mich nicht ernst nehmen: "Ich bin schlauer, als ich aussehe." Sie fassen es als Ironie auf, ich meine es aber ernst. Es ist geradezu tragisch, praktisch sein ganzes Leben dauerhaft unterschätzt zu werden. Womöglich bin ich auch deshalb so empfindlich, wenn es um meinen Verstand geht. Es kränkt mich geradezu, wenn mein Gegenüber mit Intelligenz und Bildung aberkennt. Diese sind mein einziger Reichtum, zu Geld und Ansehen werde ich es niemals bringen. Mein Wissen aber kann ich stets erweitern, Daten und Fakten sammeln, einfach um ihrer selbst willen, weil sie interessant sind und es mir einfach gefällt. Aber das sehen die meisten Leute nicht, viele unterstellen mir sogar Arroganz angesichts der Tatsache, dass ich gerne über interessante Themen spreche und mein Wissen teilen möchte. Ich mache es nicht, wie man mir unterstellt, um anzugeben, sondern weil es einfach ein Teil meiner Persönlichkeit ist. Enge Freunde, die mich gut kennen, wissen das. Sie wissen auch, dass der Gebrauch von Fremdwörtern ebenfalls nicht der Angeberei dient, sondern, weil es für mich ganz selbstverständlich ist, einen ausgedehnten Wortschatz zu haben und auch anzuwenden. Dafür fällt es mir sehr schwer, über banale Dinge zu sprechen - Small Talk kann ich nicht. Aber diese Person im Chor kann es und sie macht sich beliebt mit ihrem Gehabe und Geschwätz und doch ist kein großer Geist dahinter, wenn man genau hinsieht, aber das können wiederum die Leute nicht. Ich sitze armselig, klein und traurig auf meinem Platz und beobachte. Ich beobachte wie sie alle auf deren Oberflächlichkeit hereinfallen und ich frage mich, ob sie von ihr ehrliche Anteilnahme bekämen, wenn sie sie wirklich brauchten. Ich mag nicht so lustig sein und keinen Smalltalk können, ich umarme nicht jeden und spreche sie nicht mit irgendwelchen niedlichen Namen an. Aber jene, die mir nahe stehen, interessieren mich ehrlich und ich würde mich auch nicht von ihnen abwenden, wenn sie Probleme bekämen, nichts lustiges zu erzählen haben und ihnen zuhören. Aber diesen Un-terschied mag wohl keiner sehen. Diese NTs wissen einfach nicht, dass der loyalste Mensch, den sie sich als Freund denken können, mit sehr großer Wahrscheinlichkeit autistisch ist. Es stimmt mich wütend, dass solche Leute wie diese Chorsängerin immer wieder durchkommen und Beachtung finden, ja sogar Anerkennung bekommen, während jene, die es ernst und ehrlich meinen, ungeachtet bleiben. Wesentlich dominanter aber ist meine traurige Stimmung und ich resigniere angesichts solcher Ungerechtigkeit. Ich verstehe den Aufbau des Kosmos, aber nicht meine eigene Art. Und ich erwische mich dabei, wie ich wieder mal in meinen eigenen Gedanken abschweife mit diesem nach innen gerichteten Blick: Materie, die über sich selbst nachdenkt, das ist schon kurios.
Ölsaaten und Körner
Ich bin auf dem Weg zur Arbeit und mache noch einen kleinen Besuch bei meinem Bäcker. Dort möchte ich mir ein Brötchen kaufen für die Mittagspause. Die Auswahl fällt mir schwer, so viele leckere Speisen liegen in der Glastheke. Aber ich muss mich entscheiden und zwar schnell, denn ich muss ja zur Arbeit und pünktlich sein und andere Leute nach mir müssen das auch. Also wähle ich aus, was ich fast immer nehme, ein dunkles Brötchen mit "Körnern". Eigentlich sind es gar keine Körner, es sind Sesam, Leinsamen und Sonnenblumenkerne, also Ölsaaten. Das habe ich mal gelernt, im Studium und als ich beim Bäcker im Verkauf arbeitete. Heute bedient mich die Chefin, die Frau des Bäckers und ich äußere meinen Wunsch: "Ich hätte gerne das Brötchen mit den Ölsaaten darauf." Die Frau sieht mich an und schweigt, worauf ich antworte, dass das doch Ölsaaten seien und keine Körner, wie fast alle Leute immer dazu sagen. Ich freue mich einfach, einen Begriff anwenden zu können, der korrekt ist, in der Sprache der Fachfrau zu sprechen und denke mir nichts böses dabei. Aber offenbar ist sie mir böse, denn sie antwortet nur knapp, dass sie dazu "Körner" sagen würden. Mehr sagt sie nicht, ich schauspielere und antworte freundlich, dass es gut sei, dass ich das nun wisse, wünsche einen schönen Tag und gehe zur Straßenbahnhaltestelle. Aber ich bin traurig und verstehe die Welt nicht mehr. Warum ist sie mir böse? Ich sitze an der Haltestelle, es regnet ein wenig und ich beobachte in der Pfütze vor mir die Interferenzmuster, die beim Einfallen der Regentropfen auf die Wasseroberfläche entstehen. Aber ich empfinde keine Freude daran. Ich würde mich gerne irgendwo verkriechen weil diese Welt für mich so unverständlich ist und ich bin so unendlich traurig.
Chorwochenende
Es ist ein Probenwochenende meines Projektchores, gestern Abend haben wir bereits geprobt, heute Abend werden wir proben und morgen den ganzen Tag. Ich habe mich schon seit Wochen auf dieses Wochenende gefreut und nun sitze ich auf meinem Platz und es geht los. Während des Frühstückes wurde mir gesagt, ich mache einen sehr munteren Eindruck und nun sitze ich hier und fühle mich unfähig, diese Probe durchzustehen. Es macht mir Mühe, den Mund zum Singen zu öffnen. "Ich kann nicht!" schreit es in mir. "Ich bin zu müde, ich schaffe es nicht, ich bin zu traurig, ich kann nicht singen, ich sitze inmitten von Menschen, die leistungsfähig und fröhlich sind und ich habe keine Kraft, komme mir so armselig und deplaciert vor." Dabei singe ich doch so gerne und ich habe einiges dafür getan, um heute hier sein zu können. Jetzt ist die Zeit, auf die ich mich so viele Wochen gefreut habe und nun sitze ich da und kann es nicht genießen. Ich zwinge mich, meinen Mund zu bewegen und irgendwie schaffe ich es, der Probenarbeit konzentriert zu folgen, aber ich bin die meiste Zeit sehr ernst. Es ist nicht die Ernsthaftigkeit im Sinne von "Res severa est verum gaudium.", es ist eine tief in mir sitzende Ernsthaftigkeit und Traurigkeit, die ich wieder einmal nicht verbergen kann und die nicht mal die wunderbare Musik, der Klang meiner eigenen Stimme, die mich jedesmal wieder selbst überrascht und der Gesang zu vertreiben vermögen.
Im Konzert
Wir singen mal wieder ein Konzert. Es ist ein Konzert mit der Orgel, weshalb der Chor dieses Mal nicht auf dem Podest unten in der Kirche sondern oben auf der Orgelempore steht. Zwischen unseren beiden Chorwerken gibt es ein Musikstück für die Orgel solo. Es ist moderne Musik und teilweise schmerzen mich die Dissonanzen und lauten Töne regelrecht. Ich spüre Kopfschmerzen und wundere mich, dass ich diese spüre. Sehr oft nehme ich solche Empfindungen nämlich gar nicht wahr. Es passiert mir immer wieder, dass mir kalt ist, ich dies aber nicht spüre oder dass ich merke, dass etwas nicht stimmt, ich aber nicht wahrnehme, warum dies so ist. Bedürfnisse, die man nicht wahrnimmt, kann man auch nicht kommunizieren und diesen nachgeben, was im Alltag sehr schwierig sein kann. Ich merke nicht, wenn ich eine Pause brauche und ich merke nicht, wenn ich Hunger habe. Andererseits empfinde ich manche für andere kaum wahrnehmbare Reize als äußerst unangenehm oder sogar schmerz-haft. Auch das ist im Alltag problematisch, denn zu viele Reize können dazu führen, dass ich nicht mehr konzentriert arbeiten kann. In extremen Fällen kann dies bis zur völligen Handlungsunfähigkeit führen. Besonders schwierig ist es, weil alle diese Wahrnehmungen selbst für mich mitunter sehr paradox erscheinen.
Zwischen den Jahren oder ohne Anfang und Ende
Es ist kurz nach Weihnachten und ich habe Urlaub. Ich mag es, in dieser Zeit zu Hause zu sein und die Ruhe in diesen Tagen. Man nennt diesen Zeitraum auch "zwischen den Jahren". Aber warum nennt man das so? Schon immer irritierte mich diese Beschreibung. Zwischen den Jahren würde doch bedeuten, dass ich gerade weder im Jahr 2012 noch im Jahr 2013 lebe, sondern irgendwie dazwischen. Aber rein kalendarisch betrachtet befinde ich mich doch noch im Jahr 2012 und rein mathematisch kann man sich doch nicht zwischen zwei Jahren befinden, als lebte man in gar keinem Jahr. Zwischen Weihnachten und Neujahr wäre korrekt oder zwischen Weihnachten und Epiphanias. Ich zumindest benenne diese Zeit so und finde es schön, sie zu Hause verbringen zu dürfen. Unter anderem schaue ich Fernsehen und da mag ich besonders Dokumentationen. Seit einigen Jahren gibt es von den öffentlich-rechtlichen Sendern einige Digitalsender, in denen fast nur Dokumentationen laufen. Das finde ich toll, denn so ist immer etwas interessantes für mich dabei. Ich schaue auch gerne die älteren Dokumentationen an, Sendungen, die im Fernsehen liefen, als ich noch Kind und Jugendliche war. Einige Sendungen erkenne ich wieder und finde es schön, sie nochmal sehen zu können. Dabei fällt mir auf, dass man sich in den Sendungen vor 30 Jahren noch viel mehr Zeit nahm für Vor- und Abspann. Da lief meist schöne Musik dazu und man konnte das Ende einer solchen Sendung richtig genießen, zumal es ja auch interessant ist, wer die Kamera führte, wer der Sprecher war etc. Bei meinen seltenen Kinobesuchen bleibe ich auch immer bis ganz am Ende der Vorführung sitzen und lasse den Film mit der Musik ausklingen, genauso wie damals bei diesen Fernsehsendungen. Aber heute sind die Sendungen so schnelllebig, ein kurzer Vorspann, man stolpert praktisch in das Thema, viele Effekte und aufwendige Kameraführungen, aufgebauschte Berichterstattung, aber ohne viel Inhalt, oftmals sogar aggressiv dargestellt und wenn es einen Abspann gibt, jagen die Namen so schnell in winzigen Lettern über den Bildschirm, dass man kaum mit dem Lesen mitkommt. Oftmals wird der Abspann sogar mit der Vorschau auf die nächste Sendung überblendet oder ganz abgeschnitten. Das geht mir zu schnell, das ist mir zu laut und zu bunt. Da ist keine Zeit mehr, sich auf eine Sendung einzustellen und die Eindrücke danach ausklingen zu lassen. Da fehlen der Anfang und das Ende, der Rahmen, der den Halt gibt. Warum nimmt man sich heute für die Dinge keine Zeit mehr?

2013

Chorprobe
Es ist mal wieder Chorprobe und wir stehen zum Einsingen an unseren Plätzen. Dabei beobachte ich die Kleidung der Soprane vor mir. Sie tragen alle eine Blue-Jeans und ich vergleiche die unterschiedlichen Ziernähte auf deren Hosentaschen. Wieso befinden sich da überhaupt Taschen? Kaum jemand benutzt die Taschen am Po, aber an jeder Jeans und an vielen weiteren Hosen befinden sich solche Taschen. Das ist doch Stoffverschwendung. Was die Optik betrifft, maße ich mir gar nicht erst ein Urteil an, aber nützlich sind diese Hosentaschen nicht. Nach dem Einsingen proben wir weiter am Brahmsrequiem. Ich mag diese Musik. Mit den Anweisungen des Chorleiters komme ich allerdings nicht immer klar. Wir sollen ein Stück „weich wie Butter“ singen. Hä? Butter ist doch nicht prinzipiell weich. Kommt sie direkt aus dem Kühlschrank, ist sie sogar sehr hart. Und nur wenn sie länger bei Raumtemperatur, also 20-25°C herumlag, ist sie wirklich weich und selbst diese Eigenschaft unterliegt Schwankungen, je nach Jahreszeit und Fütterung der Kühe. Insofern ist diese Angabe des Chorleiters ungenau. Dann sollen wir ein Stück einen „Tuck“ leiser singen. Hä? Ein Tuck? Das ist doch ein Keks. Was hat der Keks mit unserer Interpretation des Brahm’schen Requiems zu tun? Und warum dient schon wieder ein Lebensmittel als Arbeitsanweisung? Beim nächsten Probenabschnitt sollen wir nicht so „drüberbügeln“. Hä? Bügeln? Wir singen doch und keiner der Chorsänger hat ein Bügeleisen samt Bügelbrett dabei. Es gibt ja so verrückte Leute, die überall bügeln, in der Astgabel, auf einem hohen Berg, aber vom Extrembügeln in der Chorprobe habe ich noch nichts gehört oder gelesen. Am meisten aber irritieren mich die „Bassmäuse“, die der Chorleiter kritisiert. Mäuse im Bass? Hä? Es gibt bei Mäusen Lautäußerungen, aber sie piepen doch in einem Frequenzbereich, den ein Bass normalerweise nicht hervorzubringen in der Lage ist. Was also haben Mäuse mit Bässen zu tun? Ich verstehe es nicht, von meinen Nachbarinnen erhalte ich auch keine Antwort. Aber die Bässe scheinen zu verstehen, was der Chorleiter meint und das verwundert mich mindestens so sehr wie die Bassmäuse.
Psychomotorische Hemmung
Es geht mir nicht gut, es scheint, als würde mir alles, was mir Halt und Sinn zum Leben gab, weggenommen. Ich bin verzweifelt, schon wieder von Vertrautem Abschied nehmen zu müssen, wieder etwas Neues anfangen zu müssen, wieder diese Ungewissheit. Ich kann nicht, ich will nicht, ich habe keine Kraft mehr. Ich merke, wie mir die Kraft nicht nur gedanklich, sondern auch physisch fehlt. Die einfachsten Handgriffe wollen mir nicht gelingen. Ich habe Durst, aber ich schaffe es nicht, die Flasche vor mir auf dem Tisch zu ergreifen, das Wasser in das Glas daneben zu füllen und dieses zu ergreifen , um das Wasser zu trinken. Jede Faser in mir schreit stumm: "Ich kann nicht, ich will nicht mehr!" Seit zwei Tagen habe ich die große Hausordnung vor mir hergeschoben, lag die ganze Zeit im Bett oder tatenlos auf dem Sofa. Die Nachbarin hat schon zweimal angerufen, es sei trocken und es seien doch nur ein paar Blättchen wegzufegen. Aber ich konnte mich einfach nicht aufraffen, war kraftlos und nichtmal schöne Dinge habe ich tun können. Nun ist es aber Sonntagmittag, die letzte Gelegenheit, die Hausordnung zu erledigen, bald wird es dunkel und ich muss. Mit enormem Kraftaufwand ziehe ich mich an, ich nehme einfach die Sachen aus der Wäschetonne und es ist mir schlichtweg egal, wie ich aussehe und rieche. Irgendwie schaffe ich es, den Putzeimer mit warmem Wasser und Reinigungsmittel zu füllen und den Kellerschlüssel herauszusuchen. Im Heruntergehen wische ich meine Treppen herunter und unten im Haus den Teil des Treppenhauses, der zur großen Hausordnung dazugehört. Dann ist die Kellertreppe dran, aber dieses Mal ohne weitschweifende Gedanken an die Kernfusion, der "echte Bröker" wie ein guter Freund es beim Lesen eines meiner Texte bezeichnete. Aber dieses Mal habe ich nichtmal die Kraft zu interessanten Gedanken, ich möchte einfach nur fertig werden. Dann ist das Hoffegen an der Reihe. Es ist so anstrengend, alle paar Besenstriche richte ich mich auf und reibe mir das schmerzende Kreuz. Ich habe mal wieder so starke Rückenschmerzen und die Arbeit fällt mir so unglaublich schwer. Ich fege irgendwie weiter, rolle die Mülltonnen weg, um auch dort zu fegen, nicht dass später jemand mit mir schimpft, weil ich es nicht ordentlich gemacht habe. Meine Bewegungen sind kraftlos und ungeschickt, viel ungeschickter als sie normalerweise sind. Am liebsten würde ich weinen, ich bin so fertig, ich kann nicht mehr - ich will nicht mehr! Aber ich muss, muss weitermachen. Ich überlege, dass ich morgen frei habe und deshalb heute Abend die doppelte oder dreifache Menge des Quetiapins nehmen könnte, als ich sonst zum Schlafen nehme, dann würde ich länger schlafen und bekäme länger nichts mit, wäre einfach eine Weile weg. Die Treppe im Hof zur ehemaligen Waschküche ist voller Blätter und angebissenen Apfelstücken. Wer wirft denn bitte Äpfel auf diese Treppe? Die dumme Brökern macht ja alles weg, die macht jede Drecksarbeit, die ist ja so blöd und lässt sich alles gefallen. Und in Bildern sehe ich die Erlebnisse meines Arbeitsleben vor mir, in denen ich gemobbt wurde und ich mich nicht wehren konnte. Ein akademischer Fußabtreter, an dem man sich prima auslassen kann, da dieser noch nichtmal merkt, was man mit ihm treibt. Irgendwie schaffe ich es, die Arbeit zu Ende zu bringen und ich leere das Putzwasser aus, raffe meine Sachen zusammen und schleppe mich die Treppen nach oben. Ich erwische mich bei dem Gedanken, lügen zu wollen, falls die Tür einer Nachbarin aufgeht und ich gefragt werde, was los sei. Normalerweise kann ich nicht lügen, aber meine psychomotorische Hemmung verstehen die meisten Leute nicht und ich bekomme zur Antwort, ich solle mich nicht so anstellen. Das ist frustrierend und kränkend, denn es zeigt, dass man mich nicht ernst nimmt. Also überlege ich, einfach zu sagen, ich sei schwer erkältet und daher so fertig und die Lösung finde ich gut. Herrje, wie weit bin ich gekommen, ich finde es gut, zu lügen. Daher bin ich erleichtert, dass mir keiner begegnet und ich dies doch nicht tun muss. Ich schleppe mich also weiter die Treppen hoch, mache zwischenrein Pausen und endlich komme ich oben an, stelle den Eimer ab, schließe die Wohnungstür auf und bin endlich, endlich erlöst. Aber nicht ganz, denn ich muss baden, denn ich müffele und so lasse ich das Badewasser ein, lege meine Kleider ab und warte bis das Wasser bereit ist. In der Wanne liege ich dann minutenang völlig bewegungslos und es kostet mich Überwindung und Kraft, mir die Haare zu waschen und mich einzuseifen. Sogar die Körperpflege fällt mir schwer, etwas, was mir äußerst peinlich ist. Aber nun habe ich es geschafft. Nur wofür, frage ich mich…
Polizeipferde
Es ist Faschingsdienstag und wie in jedem Jahr findet der Faschingsumzug statt. Dieser Klamauk interessiert mich nicht und ich verstehe nicht wieso ich so aufgesetzt fröhlich sein soll zu vorgegebener Zeit. Ich kann das auch gar nicht. Aber der Umzug wird immer von einigen Polizeipferden angeführt und die möchte ich sehen, so lange schon sah ich keine Samtnasen mehr und so stehe ich an der Straßenkreuzung, wo der Umzug zu Ende sein wird und warte. Es kommen immer mehr Menschen, gekleidet in Kostümen und teilweise sehr schlodderigen Sachen. Besonders lächerlich finde ich manche selbstgemachten Kostüme aus billigsten Stoffen, irgendwie zusammengeheftet. Und ihre Träger sind gut gelaunt, manche tragen Bierflaschen mit sich herum und gröhlen. So wechsele ich öfter meinen Platz, weiche den Leuten aus und suche mir eine ruhigere Stelle. Die Straßenbahnen sind wegen des Faschingsumzuges umgeleitet und biegen an der Kreuzung ab. Besonders die langen S-Bahnzüge erzeugen dabei in der Kurve ein lautes Quietschen, so dass ich die Augen schließen muss. Das ist ein sogenanntes paradoxes Verhalten, das Autisten zeigen, wenn ein akustischer Reiz zu stark wird. Die vielen Menschen machen zusätzlich Lärm und es wird immer lauter. Ich bekomme Angst, die beschlagenen Hufe der Pferde auf dem Asphalt nicht rechtzeitig hören zu können, ein Geräusch, das ich ansonsten leicht im Stadtlärm heraushören kann, so selten dies vorkommt. Ich möchte aber die Pferde hören, bevor ich sie sehen kann, damit ich meine Kamera rechtzeitig herausholen kann. Selbstverständlich möchte ich ein paar Photos der Pferde machen. Und dann ist es soweit, die Pferde sind da. Es sind riesige Warmblüter, ein Rappe, zwei Braune und drei Füchse. Der Rappe gefällt mir am besten und ich gehe neben ihm her. Er geht im verkürzten Schritt, zwischenrein piaffiert er ein wenig, denn er ist angespannt und ich stelle mir vor, wie gerne er losgaloppieren würde, um sich wieder zu lockern und um dem ganzen Trubel zu entgehen. Ich weiß ja, dass Polizeipferde mit viel Geduld an all die optischen und akustischen Reize gewöhnt werden, die ihnen während ihres Dienstes begegnen und dass sie durch diese Desensibilisierung recht gelassen mit all dem umgehen. Aber stressig ist es eben doch. Ich gehe neben dem Rappen her und einen ganz kurzen Moment fühle ich mich erhaben, neben diesem stolzen und großen Tier gehen zu können. Aber dieser Moment ist nur sehr kurz und die Reiter biegen nun in den Hof der Feuerwache ein, wo der Pferdetransporter auf sie wartet, um wieder nach Mannheim zurückzufahren, Karlsruhe hat keine eigene berittene Polizei. Ich stehe am Tor und schaue zu, wie die Pferde abgetrenst werden und Karotten zur Belohnung erhalten. Wie gerne würde ich zu ihnen hinlaufen und sie streicheln. Ich habe schon lange kein Pferd mehr berührt, geschweige denn geritten und die Samtnasen fehlen mir so sehr. Aber ich traue mich nicht, den Hof zu betreten und so sehe ich noch zu, wie sie verladen werden und mache noch einige Photos. Der Faschingszug ist derweil in vollem Gange, aber er interessiert mich nicht. Traurig gehe ich nach Hause.
Käufliche Liebe
Überall bekommt man zu hören und zu lesen, dass man die Liebe und die Treue eines anderen Lebewesens nicht für Geld kaufen könne. Das ist falsch, Liebe ist eben doch käuflich. Damit meine ich nicht jene Aktivitäten und Dienste in der Horizontalen, die Männer sich in gewissen rot beleuchteten Bereichen der Stadt gegen Geld erkaufen. Ich meine ehrliche, wahre, treue und selbstlose Liebe. Liebe, die man angeblich nicht kaufen kann. Ich habe solche Liebe eine kurze Zeit meines Lebens erleben dürfen, ehe sie mir, kaum gewonnen, wieder weggenommen wurde, weil ich darauf angewiesen war, dass mir jemand, der finanziell besser gestellt ist, ein klein wenig davon abgab, was aber leider nicht von Dauer war. Ich kann mir nämlich kein eigenes Pferd leisten, es ist unglaublich teuer, ein Pferd so zu halten, erst recht wenn es artgerecht und fair für das Tier sein soll. In den paar Jahren, in denen ich Pferde reiten durfte, erlebte ich Dinge mit diesen großen Tieren, die man mir, wenn ich sie erzähle, nicht recht glauben mag und die eher in die Kategorie "Literatur und Phantasie für Pferdemädchen" einsortiert werden. Aber es ist alles genauso passiert, die Samtnasen haben Dinge für mich getan, die sie nicht für jeden tun. Es waren Beweise von Vertrauen und Liebe und vielleicht auch ein wenig meine besondere Begabung, mit diesen sanften Wesen umzugehen. Ich war, was den sportlichen Aspekt betrifft, wohl eher nur ein mittelmäßiger Reiter, zumal ich erst im Erwachsenenalter mit dem Reiten beginnen konnte da es mir als Kind verboten war. Aber zum Reiten gehört ja so viel mehr und so habe ich meine physischen Defizite mit meinem Kopf ausgeglichen. Aber man duldete mich im Reitstall nur ungern, für die meisten Leute war ich komisch, ein Spinner, manche nannten mich sogar einen Schmarotzer und Trittbrettfahrer. Ich sprach anders als sie und ich sprach von Dingen, die sie nicht interessierten oder die sie nicht verstanden. Damals hatte ich auch noch keine Autismus-Diagnose, die mich vielleicht ein wenig hätte entschuldigen können und so endete dieses Hobby nach einigen Jahren leider wieder. Das mir anvertraute Pferd wurde mir weggerissen und ein anderes bekam ich nicht, obwohl ich im Umgang mit Pferden sehr gewissenhaft, ordentlich und zuverlässig bin und das auch bekannt war. Wirklich dazugehört habe ich auch nie, denn die Kontakte zu den anderen Reitersleuten brachen schlagartig ab, als ich meine Reitbeteiligung nicht mehr hatte. Ich habe diese Stute so sehr geliebt und auch jetzt nach Jahren fehlt sie mir immer noch und es schmerzt so sehr, wenn ich an sie denke. Und wie gerne würde ich wieder reiten und meine geliebten Samtnasen um mich haben. Aber ich habe kein Geld und somit kann ich mir diese Liebe und Treue nicht kaufen. Es stimmt mich äußerst traurig und wäre ich nicht autistisch, hätte ich einen entsprechend gut bezahlten Job gefunden und dann könnte ich mir meinen eigenen Friesen leisten, Quadrille reiten, Ausritte machen, bei ihm auf der Koppel sitzen und seine Anwesenheit genießen. Neben der Traurigkeit empfinde ich auch ganz schlichten Neid auf jene, die mehr Glück hatten im Berufsleben und sich Pferde leisten können. Ich weiß, dass Neid ein Gefühl ist, das nicht sonderlich toleriert wird in dieser Gesellschaft, aber gegen Gefühle kann man schließlich nichts. Ich sehe ganz einfach diese riesige Ungerechtigkeit, denn ich habe mindestens so viel und so hart gearbeitet wie jene, kann mir aber nicht annähernd das leisten, was diese sich leisten können. Und da sich kein Pferdebesitzer mehr findet, der bereit wäre, mir ein klein wenig von seinem riesigen Glück abzugeben, indem er mir einmal in der Woche sein Pferd im Rahmen einer Reitbeteiligung anvertraut, wächst dieser Neid umso mehr. Er entspringt meinem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und der enormen Sehnsucht nach ein wenig Zuneigung und Treue durch eine liebe Samtnase. Die Pferde gaben mir so viel, in ihrer Nähe ging ich aufrechter, ich sprach melodiöser, ich fühlte mich erhaben, mit ihnen meine Zeit zu verbringen. Ich war ein Teil von ihnen und sie verstanden mich besser als mancher Mensch, die Kommunikation mit ihnen war so klar und ehrlich und sie sahen mir weder in den Geldbeutel noch auf meine Kleidung, ihnen war es egal, ob ich beruflich erfolgreich war und sie nahmen mich so wie ich bin, bei den Pferden musste ich mich nie verstellen, ich konnte einfach sein. Ich habe so unglaublich viel von meinen geliebten Samtnasen gelernt und sie vertrauten mir und ich vertraute ihnen. Aber das alles ist nicht mehr und wird nie mehr sein. Einerseits sind das schöne Erinnerungen, die mir keiner mehr nehmen kann, andererseits wünschte ich, ich hätte sie nicht, dann fühlte ich nicht den Schmerz, den ich empfinde angesichts der Tatsache, dass ich mir diese Treue und Liebe nicht kaufen kann und daher nie wieder erleben werde.
Vom hohen Ross
In den letzten Tagen entstanden auf einer Internetplattform einige Diskussionen ausgelöst durch den Pferdefleischskandal, der momentan in der Presse Furore macht. Es handelt sich dabei um nicht deklariertes Pferdefleisch, das in Lebensmittel mit Rind- oder Schweinefleisch hineingeschmuggelt wurde. Das ist zwar Betrug, eine Straftat im Sinne der Nichterfüllung der Deklarationspflicht, aber es schadet niemandes Gesundheit. Ich bin ursprünglich von Beruf Lebensmittelchemikerin und kenne mich ein wenig aus. Dafür habe ich einige Jahre meines Lebens studiert, um genau solche Sachen verhindern zu können und das war wirklich harte Arbeit. Aber als Lebensmittelchemiker gab es für mich keine Stelle, wegen Geldmangel für staatliche Einrichtungen der Lebensmittelüberwachung, weil ich autistisch bin oder warum auch immer. Die ganzen Anstrengungen, mein Wissen, alles vergeudet, das ist unglaublich frustrierend und so bin ich, das gebe ich zu, auch etwas zynisch geworden, bzw. ich habe auch in diesem Bereich einen recht eigentümlichen Humor entwickelt. Das ist nun mal meine Art, um mit diesem Umstand klarzukommen. Es geht dabei nicht nur darum, dass ich in diesem Bereich nicht arbeiten kann, sondern auch darum, deshalb nicht das Gehalt zu bekommen und damit die finanziell gesicherte Situation, die ich mir mal gewünscht hatte. So habe ich einen gewissen Spaß an den ironischen Bemerkungen im Zusammenhang mit Lebensmittelskandalen, die so durch die Presse gehen, zum Beispiel „Gaultaschen“ und ich gebe das auch gerne weiter. Auch der Umstand, dass es mir zukünftig versagt bleibt, meine Zeit mit Pferden verbringen zu dürfen, was auch damit zuhammenhängt, dass ich beruflich und pekuniär erfolglos blieb, wird ironisiert. So sage ich, nicht ganz ernst gemeint, aber mit durchaus ernstem Hintergrund, dass wenn ich die Pferde schon nicht reiten darf, ich sie wenigstens essen möchte. Außerdem ist mir inzwischen tatsächlich exkrementegal, was ich esse, Hauptsache, ich werde satt von dem wenigen Geld, das mir zur Verfügung steht und ich kann mir den einen oder anderen Kommentar hierzu ebenfalls nicht verkneifen. Leider wurde ich dafür aber in den letzten Tagen von einigen Personen heftig kritisiert. Sie sind Tierschützer, die andere Menschen verurteilen, wenn diese nicht ihre Haltung teilen. Man unterstellte mir, ich würde mich auf Kosten gequälter Pferde lustig machen und jene, die mich angreifen, verstehen sich als deren Verteidiger. Das ist ja löblich. Aber wo waren sie, als man sich über mich lustig machte? Wo waren sie, als ich gemobbt und rausgeekelt wurde, weil es nicht genehm war, dass ich immer unverblümt und ehrlich meine Meinung sagte, ohne herumzuschleimen und ganz einfach, weil ich ein wenig anders bin als die anderen? Wo waren sie, als mein Name und Ruf in den Schmutz gezogen wurden und Unwahrheiten über mich erzählt wurden? Da stand keiner auf und verteidigte mich. Bin ich weniger wert als ein Tier, nur weil ich nicht so kindchenschemahaftig gucken kann? Ist es gerecht, für eine gequälte Kreatur aufzustehen und bei einer anderen einfach wegzusehen? Selbst haben sie Pferde und andere Haustiere zu ihrem eigenen Vergnügen und offenbar haben sie genug Geld dafür, um sich das alles leisten zu können. Von diesen Leuten wurde mir gesagt, es sei billig, sich rein vegetarisch zu ernähren. Aber das ist leider nicht so. Obst und Gemüse, sei es frisch oder als Tiefkühlware, sind nicht wirklich billig und es gibt sehr viele Familien hierzulande, die sich dies nicht leisten können. Gute, nachhaltige und gesunde Ernährung hat ihren Preis und für sehr viele Menschen, die am Rande des Existenzminimums leben müssen (und das werden immer mehr!), ist diese nicht erschwinglich. Es gibt viele Familien, die durchaus mehr Obst und Gemüse essen würden, wären diese nicht so teuer und erst wenn es den Menschen gut geht, ist auch Tierschutz möglich, denn erst dann können sich die Menschen diesen leisten. Für Leute, die Pferde halten, ist das wohl aber nicht zu begreifen, denn wer sich solche Luxustiere leisten kann, kann sich gar nicht vorstellen, was es wirklich bedeutet, von so wenig Geld zu leben. Vom hohen Ross aus ist leicht zu urteilen über jenen, der sich nur ein Fahrrad leisten kann, sowohl im wörtlichen als auch übertragenen Sinne. Zudem kann ich es nicht leiden, wenn man mich als bösen Menschen hinstellt, nur weil ich nicht ganz auf Fleisch und Fleischprodukte verzichte. Fleisch hat schon immer zur menschlichen Ernährung dazugehört, es ist gesund und ein schmackhafter Bestandteil. Und in der Natur fressen Tiere auch andere Tiere. Meines Erachtens ist es also nicht prinzipiell falsch, Fleisch zu essen, sondern dass die Tiere nicht anständig behandelt werden. Für den Anbau von Pflanzen wird übrigens ebenso viel Unschönes getrieben, so werden zum Beispiel für Soja Regenwälder abgeholzt , der Lebensraum von Menschen und Tieren zerstört,, für viele andere Produkte werden Menschen furchtbar ausgenutzt. Das ist doch mindestens genauso schlimm wie die nicht artgemäße Tierhaltung. Bei der Ernte von Kakao werden Kinder eingesetzt, die noch nie in ihrem Leben Schokolade gegessen haben und als Kinderarbeiter ausgebeutet werden. Wenn man wirklich nachhaltig leben möchte, dann muss man noch sehr viel konsequenter sein und auf noch viel, viel mehr verzichten. Aber nur auf einen Teil zu verzichten, sich als besseren Menschen hinzustellen, über andere zu urteilen, die es anders machen, sei es aus ethischen oder finanziellen Gründen, ist nicht die feine Art. Vom hohen Ross aus ist leicht zu urteilen über jene, die sich nur ein Fahrrad leisten können. Übrigens sind Menschen rein biologisch gesehen auch Tiere und somit haben auch sie das Recht auf eine würdige Behandlung. Leider werden sehr viele Menschen aber äußerst unwürdig behandelt. Mir wurde gesagt, dass es Fact sei, dass mehr für kranke und behinderte Menschen gemacht wird, sonst gäbe es keine Behindertenwerkstätten und viele andere Hilfprojekte. Nur, wo sind diese Hilfsprojekte? Behinderte werden immer noch übel ausgegrenzt und in vielen Ländern sogar misshandelt. Und viele von ihnen möchten nicht in einer Behindertenwerkstätte arbeiten. Sie sind zwar behindert, haben aber die Intelligenz und Fähigkeiten, auf dem normalen Arbeitsmarkt ihr Geld zu verdienen, wenn man sie inkludieren würde. Und so viele behinderte Kinder landen in Sonderschulen, werden regelrecht abgeschoben, obwohl sie normal bis überdurchschnittlich intelligent sind mit der Folge, dass sie zukünftig kaum vergleichbare Chancen auf dem normalen Arbeitsmarkt haben wie Kinder ohne Behinderung. In anderen Ländern gar werden behinderte Kinder weggesperrt, man versagt ihnen medizinische Versorgung, Zuwendung und sogar die Liebe, die man Kindern normalerweise entgegenbringt. Inklusion ist hierzulande und auf der ganzen Welt noch lange nicht gelebt und es bedarf noch sehr viel Arbeit und finanzieller Investition, bis alle Menschen wirklich die gleichen Chancen haben, egal ob behindert oder nichtbehindert. Aber diese Menschen haben kaum eine Lobby. Und mir wurde gesagt, mein Leben sei eine grüne Wiese. Das empfinde ich als äußerst anmaßend und kränkend, da dies von einer Person kam, die lediglich meinen Namen kennt, nicht aber mein Leben, was ich durchgemacht und erlitten habe. Sie kennt weder meine täglichen Schwierigkeiten als Autistin noch den daraus resultierenden Leidensdruck, sie kennt nicht meine traurige und einsame Kindheit, die Gewalt, die ich zu Hause erfuhr und die unglaubliche Frustration, nicht das leisten zu können und dürfen, was ich eigentlich leisten könnte ohne diese Behinderung und Voraussetzungen. Insofern ist es mir absolut unverständlich, wieso jemand auf die Idee kommt, mein Leben sei toll. Ich empfinde es nicht als toll und ich habe dieses Leben auch nicht gewollt. Es fällt mir so unglaublich schwer, selbst die einfachsten Dinge zu tun, es ist regelrecht qualvoll und was ich gerne täte, bleibt mir versagt Und es wartet keine Samtnase auf mich und gibt mir damit einen Grund, zu erdulden, was mir widerfährt. Da ist keine Samtnase, die mich tröstet, wenn es mir schlecht geht. Ich habe keine Samtnase, die mich freundlich anstupst, wenn ich mal wieder frustriert bin und zaubert mir ein Lächeln ins Gesicht und schon sieht die Welt wieder viel schöner aus. Ich habe nur ein Fahrrad. Es verleiht mir Geschwindigkeit und Mobilität, es lässt mich sogar einige Centimeter wachsen, aber eine Samtnase hat es nicht. Da ist nur meine Fähigkeit, es mit schwarzem Humor irgendwie zu ertragen, was alles nicht gerecht und nicht richtig ist auf dieser Welt. Vom hohen Ross aus ist leicht zu urteilen über jenen, der sich nur ein Fahrrad leisten kann.
Körper, Geist und Seele
Beitrag für die Blogger-Themen-Tagen 2013 "Einfach sein"
am Freitag, den 1. März zum Thema Körper
Es ist gar nicht so einfach, über den Körper zu schreiben, ohne Geist und Seele zu berücksichtigen. Sie sind untrennbar miteinander verbunden. Wenn ich viel zu tun habe und wenig Möglichkeiten des Rückkzuges, der Ruhe und Entspannung habe, meldet sich mein Körper mit starken Rückenschmerzen, an diesen Tagen kann ich mich kaum bewegen, ohne heftige Schmerzen zu spüren und es kostet unglaublich viel Überwindung, nicht einfach sitzen zu bleiben. Da bremst mein Körper die Seele aus und mein Geist verstummt. Die Schmerzen beeinträchtigen die Seele, der Lebenswille sinkt, wenn alles zu viel wird, würde ich am liebsten einfach nicht mehr existieren, sowohl physisch als auch psychisch.
Dabei denke ich sehr oft daran, dass es besser wäre ausgemustert zu werden wie ein ausgedientes Reitpferd, das nutzlos geworden ist und lahmt, Bolzenschuss, Exitus und endlich ist Ruhe. Ich überlege, dass man meine Organe zur Spende freigeben und mein Gehirn der Autismus-Forschung zur Verfügung stellen sollte, dann hätte meine Existenz wenigstens noch einen Sinn gehabt und es wäre ja schade, die Teile vergammeln zu lassen, wenn sie noch anderen Menschen nutzen könnten. Viele Leute machen sich Gedanken, was mit ihrem Körper geschehen soll nach deren Ableben und für die meisten ist der Gedanke schrecklich, nicht würdevoll begraben zu werden oder ihren letzten Wunsch nicht erfüllt zu bekommen. Ich bin da weniger empfindlich, denn mein Körper ist doch nur eine recht misslungene Matrix der Seele und ich bin dabei nicht mal sicher, ob die Existenz meiner Seele überhaupt sein muss.
Ohne die biochemischen Vorgänge des Körpers existierte die Seele nicht, aber ohne intakte Seele mag auch der Körper nicht wirklich funktionieren. Es ist eine Symbiose, die in meinem Falle nicht sonderlich gut gelungen ist. Ich habe eine Sonderedition des menschlichen Encephalons im Kopf mit einem irgendwie nicht so recht dazu passenden Körper, denn dieses grobmotorische, ungeschickte Gebilde kann nicht so recht dem Geiste folgen. Der Geist wiederum gibt nicht die richtigen Anweisungen für diesen Klumpen Materie, diese Akkumulation von Molekülen und die Wahrnehmung des Körpers funktioniert oftmals nur unzureichend, da die Schaltung zwischen beiden recht misslungen ist.
Ich empfinde meinen Körper oft als lästiges Anhängsel der Seele, er muss beständig gereinigt, gepflegt, eingekleidet und mit Nahrung versorgt werden mit all den damit in Verbindung stehenden Arbeiten des Alltages. Das ist anstrengend, jedes Mal; und jedes Mal kostet es wieder Überwindung. Ständig muss das Fließgleichgewicht aufrechterhalten werden, oben rein, unten raus, immer wieder, jeden Tag. Kaum hat man eine Arbeit erledigt, steht schon die nächste an. Sisyphos-Arbeit. Dieser Aufwand erscheint mir für meine kleine, traurige Seele unangebracht und sehr oft frage ich nach dem Sinn dieses biochemischen Systems. Andererseits ist mein Körper das Transportmittel des Geistes. Ohne diese molekulare Agglutination kann ich nicht mit der Außenwelt kommunizieren und ohne die Kommunikation mit anderen Menschen wäre mein Dasein noch mehr in Frage zu stellen. Ich brauche meine Stimme zum Sprechen und Singen, meine Hände zum Schreiben und Tippen am Computer, meine Augen zum Lesen, meine Ohren zum Zuhören und meine Beine, um alle diese Teile samt Gehirn dorthin zu transportieren, wo die Kommunikation stattfinden soll. Mein Körper, mein Geist und meine Seele sind damit untrennbar miteinander verbunden.
Ich sehe was, was du nicht siehst
Beitrag für die Blogger-Themen-Tagen 2013 "Einfach sein"
am Samstag, den 2. März zum Thema Sinne
Sehr oft sehe ich Dinge, die andere Menschen nicht sehen. Das ist eine Erkenntnis, die ich zusammen mit der Autismus-Diagnose vor drei Jahren bekam. So viele Jahre dachte ich, dass das, was ich wahrnehme, auch alle anderen Menschen wahrnehmen. Aber dem ist nicht so und nun verstehe ich auch, weshalb mir immer mal wieder gesagt wurde, ich würde Dinge sehen, die andere nicht sehen. Das konnte ich mir einfach nicht vorstellen. Nun begreife ich auch, warum meine Photos, die ich einfach nur für mich selbst mache und von denen ich lange glaubte, sie interessierten niemanden, bei Freunden und Bekannten Gefallen finden. Heute weiß ich: Ich sehe was, was Du nicht siehst.
Diese andere Wahrnehmung beschränkt sich aber nicht auf das Visuelle. Auch akustisch, olfaktorisch, haptisch und gustatorisch habe ich offenbar eine andere, feinere Wahrnehmung. Ich kann Dinge riechen, schmecken oder sonstwie wahrnehmen, die andere Menschen nicht wahrnehmen würden. So höre ich auch leiseste Geräusche, so dass ich selbst mitunter denke, es sei Einbildung gewesen. Geräusche können unabhängig von deren Lautstärke unangenehm oder auch angenehm für mich sein. Von Gerüchen werde ich oftmals sogar sehr belästigt. Ein müffelnder Mensch in der Straßenbahn ist für mich unerträglich, so dass ich mich wegsetzen muss und es ist unglaublich, wonach Menschen alles riechen können. Ich rieche zum Beispiel, wenn jemand von Draußen aus der Kälte kommt und feuchte Wollmäntel oder lange nicht gewaschene Winterjacken sind auch am Geruch zu erkennen. Manchmal riecht man die olfaktorische Belästigung nur, wenn sich die Menschen bewegen und ich hoffe, dass sie endlich still halten, damit es nicht mehr stinkt. Es gibt Parfums und Deos in allen möglichen Varianten, manche angenehm, manche penetrant und unerträglich und wenn diese nicht verwendet werden riechen die Leute ganz unangenehm. Ich kann am Geruch im Treppenhaus bestimmen, welche Nachbarn vor kurzem ihre Wohnungstüre geöffnet hatten, sogar Pferde riechen für mich unterschiedlich. Gerüche, die für andere Menschen sehr angenehm sind, können für mich äußerst unangenehm sein. Frisch gebrühter Kaffee ist für mich ein ganz schlimmer Geruch, je nach Situation können auch frisches Brot oder andere Lebensmittel sehr unangenehm riechen. Ich erinnere mich noch, wie ich als Kind mal sagte, es stinke nach Brot. Meine Oma, die zwei Weltkriege und dabei Hungerzeiten durchmachen musste, konnte diese Aussage nicht verstehen und schimpfte mit mir. Ich war damals aber noch nicht in der Lage, zu beschreiben, wie meine Empfindung ist und dass ich mit diesem Satz niemanden verletzen wollte. Inzwischen habe ich gelernt, das etwas diplomatischer auszudrücken, indem ich darum bitte, die Brötchentüte weiter weg zu legen. Spülmittel kann ich nur kaufen, wenn es zuvor die Geruchsprobe bestanden hat. Auch Duschgel und Seife werden vor dem Kauf diesem Test unterzogen. Es ist schlimm, wenn meine Hände nach einer Seife riechen, die mir Unbehagen bereitet.
Auch meine Augen sind sehr empfindlich. Helles Licht bereitet mir allergrößte Qualen und so bin ich im Spätsommer immer froh, wenn es Herbst wird und ich wieder mit geöffneten Augen herumlaufen kann. Ich bin sogar schon mit anderen Fußgängern zusammengestoßen, da ich im Sommer sehr oft mit geschlossenen Augen herumlaufe. Eine Sonnenbrille würde mir nicht helfen, selbst bei einem stark verdunkelnden Exemplar würde ich meine Augen zusammenkneifen müssen. Dafür kann ich sehr gut im Dunkeln sehen und es passiert immer wieder, dass andere, die meinen Raum betreten, das Licht einschalten, weil sie selbst nicht viel sehen können und dass sie Kommentare fallen lassen, dass ich doch nicht so im Dunkeln sitzen könne, da man ja nichts sehen würde, während ich selbst es gar nicht als dunkel empfinde. Ich kann sogar bis in den UV-Bereich wahrnehmen, denn es gibt Tage mit bewölktem Himmel, an denen ich dennoch stark geblendet bin, obwohl es gar nicht so hell ist.
Im haptischen Bereich bin ich auch sehr empfindlich. Wenn ich in Bahn und Bus unterwegs bin, ist es mir sehr unangenehm, wenn auf einem Doppelsitz jemand neben mir Platz nimmt, und mich mit seinem Arm anrempelt. Besonders schlimm sind jene, die das mehrmals tun, indem sie zum Beispiel stundenlang in ihrer Handtasche herumwühlen. Dabei muss das Anrempeln nicht stark sein, um mich fast in den Wahnsinn zu treiben. Es genügt im Sommer ein Hemdärmel, der immer wieder meinen Arm berührt. Ich weiß ja, dass der Mensch da neben mir das nicht mit Absicht macht und ich weiß, dass er selbst diese Berührung womöglich gar nicht wahrnehmen würde und daher gar nicht versteht, was in mir vorgeht, wie sehr mich das stört. Insofern versuche ich mich ruhig zu verhalten, aber das kostet mich sehr viel Kraft. Wenn es möglich ist, wechsele ich den Sitzplatz. Aber leider geht das oftmals nicht und dann sitzt man womöglich neben einem anderen Menschen, der einen noch mehr berempelt. Ich versuche auszuweichen, indem ich mich wegbewege, aber das ist erstens nur in kleinen Grenzen möglich und zweitens rücken viele einfach nach. Und dann denke ich wiederum, dass die Person da neben mir doch nun endlich aufhören solle. Kann die nicht einfach mal ruhig sitzen und mich endlich in Ruhe lassen? Ich würde am liebsten laut schreien: „…hör endlich auf mich anzurempeln!“, aber ich habe gelernt, dass das nicht gesellschaftskonform ist. Dafür schreit in mir die Frage laut auf, wie jemand nur so wenig rücksichtsvoll sein kann, dass muss der oder die doch merken, wie sehr ihre Rempelei die kleine Person da nebenan belästigen. Aber dem ist nicht so. So bin ich sehr gestresst, wenn ich endlich angekommen bin, aufstehen und die Straßenbahn verlassen kann. Was mir besonders im Winter zu schaffen macht, ist der Juckreiz, den ich am Abend habe von den Kleidern. Dabei achte ich darauf, dass jene, die ich direkt auf der Haut trage, keine Wolle oder andere kratzende Stoffe enthalten und dass die Kleidung dehnbar ist, damit ich mich nicht zu sehr eingeengt fühle. Dennoch reizen die Kleidungsstücke meine Haut und am Abend ist es nicht mehr auszuhalten, so dass ich mich mit einer großen Bürste, die eigentlich für die Reinigung von Sanitärkeramik hergestellt wurde, kratzen muss und zwar am ganzen Körper. Im Sommer, wenn ich nicht so viele Schichten Stoff trage und Teile meines Körpers gar nicht davon bedeckt sind, ist der Juckreiz am Abend viel weniger schlimm. So sehr ich mich nicht auf den Sommer freue wegen des für mich zu hellen Lichtes, so sehr bin ich regelrecht von den ständig meine Haut reizenden Kleidungsstücken erleichtert. Viele Menschen lieben es, mit nackten Füßen über Gras zu laufen. Das war schon seit ich denken kann für mich regelrecht gruselig, ich mochte es noch nie und bekam dafür auch schon verständnislose Bemerkungen zu hören, denn es sei doch so wunderbar, barfuß zu laufen. Aber es ist mir unangenehm, genau wie Gehen in zu grob gestrickte Socken, das sind viel zu viele Reize auf einmal für meine kleinen Füße und so bevorzuge ich im Sommer meine Sandalen anzubehalten und im Winter feinmaschige Socken zu tragen, die ich mir selbst stricke, so dass sie meinen Füßen genau passen und nirgends drücken, wobei ich hierfür nur nichtkratzende Wolle verwende.
Auch beim Essen bin ich äußerst empfindlich. Zu scharfe, zu salzige oder zu intensiv schmeckende Lebensmittel mag ich gar nicht und die Temperatur darf nicht zu hoch sein. Wenn ich mit anderen Leuten gemeinsam essen gehe und vor dem Hauptgericht meinen Salat esse, bekomme ich oft gesagt, dass mein Essen doch kalt würde und dass ich den Salat doch noch später essen könne. Aber erstens esse ich gerne alles hintereinander und nicht durcheinander und zweitens möchte ich ja, dass mein Hauptgericht abkühlt, so dass ich es gut verzehren kann. Man sieht es nicht von außen, aber mit diesen vielen und unterschiedlichen Reize bin ich tagtäglich konfrontiert, es hört nicht auf, solange ich lebe und es strengt an, beeinträchtigt meine Handlungsfähigkeit.
Andererseits kommt es vor, dass ich Reize kaum wahrnehme. Wenn ich das Fenster zum Lüften öffne, merke ich oftmals nicht, wenn es wieder Zeit ist, dieses zu schließen, so dass ich auskühle, aber nicht merke, dass ich eigentlich schon länger friere. Mir wurde sogar schon gesagt, ich solle mal wieder das Fenster schließen, es sei ja nun kalt genug geworden. Auch kann es vorkommen, dass ich nicht recht wahrnehme, wenn ich auf die Toilette gehen sollte und erst kurz bevor ein Unglück geschieht, bemerke ich, dass es dringend nötig ist, das stille Örtchen aufzusuchen. Auch kommt es oft vor, dass ich aufgrund meiner grobmotorischen Ungeschicklichkeit irgendwo hängenbleibe, dagegenlaufe und mir dabei eine Extremität anrempele. Dabei empfinde ich nur sehr kurz heftigen Schmerz, laufe dann aber unbeeindruckt weiter. In den nächsten Tagen wundere ich mich dann über die Hämatome, da ich mich kaum noch an das verursachende Ereignis erinnern kann.
All diese Beschreibungen mögen dem geneigten Leser widersprüchlich erscheinen, einerseits diese extreme Überempfindlichkeit selbst leichten Reizen gegenüber, andererseits die Unempfindlichkeit gegenüber starken Reizen bzw. deren schlechter Wahrnehmung, aber genauso empfinde ich. Mir selbst erscheint diese Wahrnehmung oftmals äußerst paradox.
Auch Autisten haben Gefühle
Beitrag für die Blogger-Themen-Tagen 2013 "Einfach sein"
am Sonntag, den 3. März zum Thema Geist und Seele
Besonders im Zusammenhang der Berichterstattung in den Medien über den Amoklauf in Newtown/USA wurde in den letzten Wochen vermehrt über Autismus berichtet. Laut einem Artikel soll der Massenmörder, der diese schreckliche Tat beging, autistisch gewesen sein. Es handelte sich lediglich um eine Spekulation aufgrund der Beschreibung einiger Leute, die den Täter nur unzureichend kannten. Die Diagnostik von Autismus-Spektrum-Störungen ist selbst für erfahrene Psychiater nicht ganz einfach und insofern empfinde ich es als große Anmaßung eines Reporters, derart mit Diagnosen um sich zu werfen, zumal er den Täter nichtmal persönlich kannte. Und mit solchen Aussagen tut man allen Menschen mit Autismus großes Unrecht, da sie aufgrund einer derart falschen und unglücklichen Berichterstattung nun noch mehr mit Vorurteilen zu kämpfen haben. Zu Recht beschwerten sich viele Autisten und auch ich schrieb im Internet einige Male: „Mein Name ist Andrea, ich bin Autistin und ich bin keine potentielle Mörderin.“
Personen, die solch eine schreckliche Gewalttat wie diesen Amoklauf begehen, haben ihre Gründe und auch darüber wird wild spekuliert. Von vielen Amokläufern wird geschrieben, sie seien früher ausgegrenzt und gemobbt worden, was womöglich eine Erklärung für ihre Tat ist. Und der Anteil jener, die ausgegrenzt und gemobbt werden ist unter den Autisten ungleich höher als unter der Normalbevölkerung, so dass die Wahrscheinlichkeit, dass ein autistischer Mensch später solch eine Tat begeht, durchaus gegeben ist. Auch Autisten sind nur Menschen, da gibt es nette und weniger nette, nur weil sie autistisch sind, sind sie noch lange keine Engel. Aber sie sind eben auch nicht automatisch Massenmörder, denn Autismus per se ist nicht die Ursache für Massenmord. Ich wurde und werde auch oft ausgegrenzt und gemobbt. Aber niemals fiele es mir ein, eine Waffe zu ergreifen und jene, die mir das Leben so schwer machten und machen, zu ermorden. Ich empfinde nicht einmal Hass für sie, bei manchen höchstens Ekel und ich möchte mich vor ihnen verstecken, nichts mit ihnen zu tun haben und einfach nur meine Ruhe haben.
Was ich persönlich im Zusammenhang mit der Berichterstattung über Autismus in der letzten Zeit viel problematischer finde und meine Person wesentlich mehr betrifft, ist die Tatsache, dass sehr oft geschrieben wurde, Autisten seien gefühllos und desinteressiert an ihren Mitmenschen. Davon distanziere ich mich, denn Autisten haben Gefühle und auch Interesse an den Menschen in ihrer Umgebung. Autisten möchten sogar Freunde haben. Aber es fällt ihnen mitunter sehr schwer, dies alles zum Ausdruck zu bringen und umzusetzen.
Ich selbst habe als Kind und Jugendliche keine Freunde gehabt, es klappte einfach nicht, obwohl ich mich so sehr anstrengte. Ich tat alles, sogar bis zur Verleugnung dessen, was mir persönlich sehr viel bedeutet. So war ich lange Zeit sehr einsam und habe darunter gelitten, niemanden zu haben, mit dem ich Freud und Leid und meine Interessen teilen konnte. Aufgrund meiner Andersartigkeit wurde ich abgelehnt und so kam auch niemand auf mich zu. Auch heute noch geht es mir so, dass sich die meisten Leute gar nicht die Mühe machen, genauer hinzusehen, wer da vor ihnen steht. Und es fällt mir auch heute noch sehr schwer, anderen Menschen meine Sympathie und mein Interesse an ihnen auszudrücken. Ich habe einfach Angst, dass sie es nicht bemerken und sie mir damit weiterhin fern bleiben oder dass ihnen meine Bemühungen zu aufdringlich sind. Das möchte ich aber keinesfalls. Und so kommt es vor, dass ich mich unbändig darauf freue, eine Person wiederzusehen, zum Beispiel im Chor, sobald sie dann aber in meiner Nähe oder gar vor mir steht, weiß ich nicht, was ich tun soll und bin total unbeholfen. Ich habe mich in solchen Situationen sogar schon versteckt. Dabei würde ich doch so gerne etwas Zeit mit dieser Person verbringen, mit ihr reden und lachen und wenn nötig auch zuhören und miteinander weinen, einfach ein wenig Zeit miteinander verbringen. Aber ich traue mich nicht, aus Angst, zu plump und aufdringlich zu sein. Und dann bin ich so unsagbar traurig darüber, dass ich nicht die Fähigkeiten habe, ganz normal mit anderen Menschen umzugehen. Sicherlich könnte ich meine Gefühle anderen Menschen gegenüber in Worten ausdrücken und mitunter behelfe ich mich damit auch, aber dies kommt in vielen Fällen leider nicht so an, wie ich es mir wünsche. Offen und direkt ausgesprochene Worte sind für viele Menschen nicht zu ertragen.
Was mir das Leben zusätzlich schwer macht ist, dass ich die Gefühle bei anderen Menschen nicht lesen kann. Ich bekomme schlichtweg nicht mit, wenn jemand für mich Sympathie empfindet und die entsprechenden Signale aussendet, ich kann noch nicht mal erkennen, wenn zwei Menschen miteinander flirten, da bin ich praktisch blind. So entstanden in meinem Leben schon einige Missverständnisse und in einem Fall wurde mir von einer Person erzählt, die nun auf mich wütend ist, weil sie mich offenbar mochte, ich das aber nicht erkannte und nicht so reagierte, wie sie es erwartet hatte. Ich denke, es gibt da sicher noch den einen oder anderen Menschen, der auf diese Weise von mir denkt, ich sei desinteressiert oder gar arrogant und dabei habe ich einfach nur gar nichts von deren Empfindungen mir gegenüber wahrgenommen. Ich bin nicht gefühllos, sondern gefühlsblind, das ist ein großer Unterschied.
Aber auch im Umgang mit Menschen, die ich nicht mag, empfinde ich Gefühle. Es kränkt mich zutiefst, wenn mich jemand nicht ernst nimmt, man mir Dinge unterstellt, die nicht wahr sind und wenn man über mich lacht und mich respektlos behandelt. Leute, die das tun, mag ich nicht. Nur kann ich diese Gefühle meist nicht so zum Ausdruck bringen, dass sie von anderen Menschen auch verstanden werden oder ich bringe sie so vehement heraus, dass dies für meine Mitmenschen inakzeptabel ist. Diese Gefühle können sogar so stark sein, dass sie mich völlig handlungsunfähig machen. In meinem Chor ist zum Beispiel eine Frau, die ich absolut nicht leiden kann, weil sie mich in der Vergangenheit äußerst herablassend und unhöflich behandelt hat. Neben ihr kann ich nicht singen, es geht nicht und so bin ich immer dankbar, wenn sich jemand dazwischen setzt. Und auch das wiederum ist ein Gefühl.
Schon als ich klein war, mochten mich Hunde gerne. Große Hunde, von denen es hieß, sie seien bissig, gefährlich oder scharf, suchten meine Nähe, wollten mit mir spielen oder einfach nur bei mir sein. Und auch mit Katzen und Pferden verstehe ich mich sehr gut. Lange verstand ich nicht diese Affinität, ausgerechnet zu mir, die als Kind ohne Tiere aufgewachsen war. Aber heute weiß ich, dass diese Tiere sehr sensibel sind und ganz einfach mitbekommen, dass ich ehrlich bin und auch Gefühle habe. Ich mag ihre ehrliche Art, die klare Kommunikation, ihre Anhänglichkeit um meiner selbst Willen, sie schauen mir nicht in den Geldbeutel und auf die Figur, denn sie lassen sich nicht von Äußerlichkeiten blenden und sehen genau hin, sie nehmen mich so an, wie ich bin, sie sind nicht böse, wenn ich ihnen nicht in die Augen schaue oder nicht reden mag und sie lügen nicht. Wäre ich gefühllos, würden sie sich sicher nicht zu mir hingezogen fühlen, denn diese Tiere können nicht irren.
Ich empfinde also durchaus Sympathie für andere Menschen, habe Interesse an ihnen und ihren Belangen, möchte eines Freundes Freund sein und dieser große Wurf ist mir inzwischen bei einigen wenigen Menschen gelungen. Ich empfinde dabei Freud und Leid und ich teile dies mit den mir vertrauten Menschen. Damit bin ich alles andere als gefühllos, obwohl oder gerade weil ich Autistin bin. Nur fehlen mir adäquate Ausdrucksmittel dafür und die Fähigkeit, Gefühle bei anderen Menschen zu lesen. Aber wenn man etwas nicht sieht, bedeutet dies nicht, dass es nicht da ist und dabei denke ich immer an das Abendlied von Matthias Claudius, in dem so viel Wahrheit steckt und dessen melancholische Melodie mir so gut gefällt. Da heißt es in der dritten Strophe: „Seht ihr den Mond dort stehen? Er ist nur halb zu sehen, Und ist doch rund und schön! So sind wohl manche Sachen, Die wir getrost belachen, Weil unsre Augen sie nicht sehn.“
Recht auf Freiheit zur Krankheit
Bereits des öfteren diskutierte ich mit anderen Menschen, wobei in diesen Gesprächen meine depressive Stimmung und Einstellung manchmal nicht nur einen Einfluss hatte, sondern im Laufe der Dispute immer mehr thematisiert wurde. Da wurde mir gesagt, ich solle dankbar sein, für das, was ich habe und erreicht habe, ich solle das Leben genießen, ich hätte ja nur eines, es sei viel zu schnell vorbei und es sei wunderschön. Jeder Mensch sei wichtig und etwas besonderes. Aber so empfinde ich nunmal nicht. Mein Leben ist nicht wunderschön und schon gar nicht leicht. Es ist frustrierend, immer wieder an Grenzen zu stoßen, viele Dinge nicht zu verstehen, nicht tun zu dürfen, die man gerne täte. Es ist so ungerecht, nicht das erreicht zu haben, was man theoretisch hätte erreichen können, nur weil ich anders bin als die meisten Menschen. Da sind so viele Erinnerungen, die jedesmal wieder genauso schmerzen und Verluste, die unwiederbringlich sind. Da sind Frustration, Erschöpfung und unendliche Traurigkeit über Dinge, die nicht zu ändern sind und ich kann damit nicht locker und mit einem Lächeln umgehen, wie man so oft von mir verlangt. Ich müsse nur wollen und stark sein. Aber ich kann nicht wollen und ich bin schwach. Ich bin nicht nur eine autistische, sondern auch eine depressive Persönlichkeit, ich sehe und nehme die Dinge nunmal mit einer gewissen Ernsthaftigkeit. Aber das wird einfach nicht akzeptiert, man will mir immer wieder etwas überstülpen, was nicht zu mir passt. Diese Leute, die das tun, erzählen mir, was sie selbst alles erlebt haben und sie dennoch gute Laune haben, wie toll sie alles meistern und dass ich das auch so tun müsse. Aber ich kann nicht und ich will das auch nicht. Ich habe doch ein Recht auf Freiheit zur Krankheit. Dieser Begriff ist öfter im Zusammenhang mit Zwangsbehandlungen zu lesen. Aber sollte man diesen nicht auch anwenden auf die Art, wie jemand mit seinem Schicksal umgeht? Wenn dieser Mensch eben nicht mit Stärke und Unbeschwertheit, sondern mit Schwäche und Depressivität reagiert, ist das doch auch in Ordnung. Manche Menschen sind eben so veranlagt. Überall ist von Toleranz die Rede. Wäre es nicht auch tolerant, einfach zu respektieren, wenn jemand nicht der Norm dieser Gesellschaft entspricht und eben schwach und nicht lustig ist? Aber ich muss mich immer wieder dafür rechtfertigen, dass ich nicht stark und lustig bin und dabei ganz realistisch sehe, wo ich stehe, was und wer ich bin. Ich respektiere doch auch jene, die fröhlich sind und alles leicht nehmen. Warum respektieren sie nicht einfach, dass es für mich in meinem Leben anders läuft und ich aufgrund meiner Persönlichkeit damit anders umgehe als sie selbst es tun würden? Neben all diesen Fragen, die sich mir hier stellen, vermisse ich vor allem das Mitgefühl. Wenn ich erzähle, dass ich traurig bin, bekomme ich Belehrungen darüber, was ich alles tun müsse, um das zu ändern, meist bekomme ich dabei Ratschläge, die gar nicht realisierbar, ja geradezu utopisch sind. Wenn ich dann erkläre, dass das so nicht funktioniert, ist man mir oftmals sogar böse oder ich werde ausgelacht. Aber einfach mal ein freundliches Wort, ein wenig Verständnis, das bekomme ich in den seltensten Fällen. Dabei wäre das doch um so vieles einfacher und würde mir womöglich sogar sehr viel mehr helfen. Aber man darf ja nicht schwach oder gar krank sein und wenn man es ist und dran nichts ändern kann, wird einem unterstellt, man wolle nicht, sei selbst schuld an seiner Situation und wird dafür verachtet. Und das stimmt mich noch nachdenklicher und trauriger.
Von der rezidivierenden Ungerechtigkeit gegenüber dem Schwachen
Ich komme nach Hause und ich bin völlig aufgelöst. Ich wünschte, ein Freund wäre hier und würde mich in den Arm nehmen, aber da ist keiner und ich bin alleine. Nun bricht es erneut heraus und ich weine hemmungslos. Aus Trauer und Wut über eine Ungerechtigkeit, die mir erneut widerfuhr und wie mit einem Film laufen die Ereignisse der letzten Stunden vor mir ab, als erlebte ich sie noch einmal. Es ist Samstag, ich konnte endlich mal wieder ausschlafen und bin einigermaßen ausgeruht und freue mich auf die Chorprobe. Wir singen die Matthäuspassion von Bach heute das erste Mal doppelchörig mit dem anderen Chor und so benötigen wir alle ein wenig Zeit, bis jeder seinen Platz im Chorsaal, der mit zusätzlichen Stühlen angereichert ist, gefunden hat. Aber dann geht die Probe endlich los, wir sollen alle Chorstücke nacheinander singen, Chor I und Chor II zu einem Ganzen zusammenfügen. Ich sitze neben Sopranen, die ich bisher noch nie als Nachbarinnen hatte, aber wir fügen uns stimmlich ganz gut zusammen. Alle Chorsänger arbeiten recht konzentriert mit und ich habe den Eindruck, dass das, was wir da abliefern gar nicht mal so schlecht ist. Es gibt nur wenig falsche Töne und auch intonatorisch sind wir heute ganz gut, die Korepetitorin beschwert sich gar nicht wie sonst. Die Probe läuft also gut und auch nach der Pause, in der ich ein nettes Gespräch mit einer Altistin hatte, singen wir in guter Qualität. Bei einem der letzten schweren Turbachöre lobt uns der Chorleiter gar, was sehr selten vorkommt. Daher mache ich eine Bemerkung, dass wir gelobt wurden, immerhin geschieht das ja nicht oft. Und schon dreht sich die Stimmführerin im Sopran um und gestikuliert mir wild und mit verzogener Miene, dass sogar ich es verstehe, dass sie meinen Kommentar absolut unpassend fand. Naja, denke ich, das ist ihre Meinung und ich singe weiter, den Schlusschor, diese wunderbare Sarabande und da uns auch dies gut gelingt, beendet der Chorleiter die Probe. Ich packe meine Sachen zusammen und möchte nach dieser schönen Chorprobe nach Hause fahren, aber die Stimmführerin hält mich auf. Sie schimpft mit mir, dass ich mir diesen Kommentar hätte sparen können, dass ich mich zusammennehmen müsse, weil ich in den Chorproben immer stören würde. Diese Kritik empfinde ich als absolut ungerecht, zumal ich während der ganzen Probe konzentriert mitgearbeitet habe und niemand sich durch mich gestört fühlte. Ich werde wütend und leider habe ich mich einige Sekunden nicht mehr im Griff und schleudere einen Stuhl aus dem Weg, wofür mich der Chorleiter auch noch anblafft, was ich relativ laut damit beantworte, dass ich mir das nicht mehr gefallen lasse. In der vorletzten Probe hatte er mich nämlich schoneinmal ungerechtfertigterweise vor allen und in äußerst deplacierter Ausrucksweise in der Chorprobe angefahren: ich solle die Klappe halten, hatte er gesagt, was dazu führte, dass ich bis zur Pause keinen Ton mehr herausbrachte. Dabei hatten da mehrere Personen im Chor miteinander geredet. Aber mich schimpfte er, übrigens nicht das erste Mal. Immer wieder bekomme ich es ab, wenn andere reden oder falsch singen. Und ich empfinde das als so unsagbar ungerecht. Jeder redet mal in der Chorprobe mit seinem Sitznachbarn, auch ich. Aber es ist unfair, wenn nur ich immer wieder dafür und in dieser Art dafür angegriffen werde, während andere munter und unbehelligt weiterquasseln. Ich hatte die Begebenheit der vorletzten Probe inzwischen etwas beiseite geschoben, wollte nicht, dass diese meine Probenarbeit beeinträchtigt und ließ mich erneut auf die Chorprobe und den Chorleiter ein. Aber nachdem nun die Stimmführerin ebenso nur auf mich losging, war es mir einfach zu viel und ich sagte ihr auch, dass es mir reiche, dass solch eine Zurechtweisung in diesem Ton und ungerechtfertigterweise für mich absolut inakzeptabel ist. Ich schäme mich für meinen Ausbruch, meine laute Stimme, dass ich mich kurze Zeit nicht im Griff hatte und den Stuhl lautstark wegschleuderte, aber ich ertrage solch ungerechte Behandlung einfach nicht und mir fehlen die Möglichkeiten, das adäquat und sozialkompatibel zum Ausdruck zu bringen. Und ich bin unendlich traurig darüber, dass ich nicht einfach mal ein wenig entspannt eine Chorprobe erleben darf. Nachdem ich nun das Reiten aufgeben musste, ist dies das einzige Hobby, das ich derzeit noch ausübe, eine der ganz wenigen Gelegenheiten, außerhalb meiner Arbeit persönlichen Kontakt zu anderen Menschen zu haben und auch das wird mir vermiest. Und ich verstehe einfach nicht, wieso immer wieder auf die Schwächeren in einer Gruppe eingedroschen wird. Die Korepetitorin und ein paar andere Chorsänger versuchen mich zu trösten, sagen mir, ich solle das nicht so an mich herankommen lassen und sie sagen mir, dass ich sie überhaupt nicht gestört habe. Sie sagen, ich hätte so eine gute Stimme, würde so toll singen und ich selbst weiß, dass ich bereits über 20 Jahre in diesem Chor bin und wenn ich wirklich so ein störendes Element wäre, man mich sicher schon längst herausgeworfen hätte. Aber leider tröstet mich das alles wenig. Was nutzt mir meine gute Stimme, die Chorerfahrung, dass ich die Matthäuspassion inzwischen auswendig singe, wenn ich als Mensch in diesem Chor vom Chorleiter und dessen Vertretung nicht genauso respektvoll, höflich und gerecht b-handelt werde wie alle anderen Sänger? Wieso bekomme immer nur ich solche Kritik von oben herab, als sei ich ein dummes, kleines Kind? Wieso werden nicht auch mal andere Personen im Chor kritisiert, da gibt es einige, die immer alles kommentieren, ihre Bemerkungen fallen lassen wenn mal jemand falsch singt, die ständig mit den Nachbarn reden und mitunter sogar tatsächlich stören, Leute, die immer wieder zu spät oder gar nicht in die Proben kommen. Aber zu ihnen sagt keiner etwas. Diese Frage stelle ich jenen, die mich zu trösten versuchen und ich frage, ob man mir tatsächlich ansieht, dass ich in diesem Chor zu den Schwachen gehöre, so dass man dies ausnutzen kann, um an mir auszulassen, was womöglich anderen gelten sollte. Darauf bekomme ich die Antwort, dass man mir das nicht ansehe, aber dass alle es wissen würden. Und so frage ich mich erst recht, wieso immer wieder auf die Schwachen losgegangen wird? Warum haben es die Starken nur nötig, auf die Schwachen draufzuhauen, immer wieder, rezidivierend? Warum immer wieder diese Ungerechtigkeit? Es ist doch schon ungerecht genug, dass manche Menschen schwächer sind, als andere. Sollte man da als Starker nicht in Demut versinken, anstatt es dem Schwachen noch schwerer zu machen, als er es sowieso schon hat? Den Heimweg mit dem Fahrrad lege ich sehr suizidal zurück, ich fahre kurz bevor die Straßenbahn kommt über die Schienen, mal wieder höre ich die Alarmklingel der Bahn hinter mir, ich fahre schnell und riskant, ich sehe beim Vorbeifahren an dem Haus hoch, von dem sich vor einigen Jahren jemand zu Tode stürzte, denke, dass ich das wohl auch tun sollte und ich bremse am Andreaskreuz im letzten Moment ab und bedaure es zugleich, dass mich die Bahn nicht überfährt. Aber ich denke auch, dass ich die Matthäuspassion doch gerne mitsingen möchte und fahre die letzten Meter zu meinem Wohnhaus, räume mein Fahrrad an seinen Platz und gehe die Treppen nach oben in meine Wohnung, wo sich gedanklich nun alles noch einmal vor mir abspielt. Ich tue doch keinem etwas Böses, zumindest nicht bewusst und mit Absicht. Ich möchte einfach nur sein dürfen. Aber selbst das ist mir wohl nicht gegönnt und so erwarte ich das nächste Rügen-Rezidiv in der Chorprobe. Dennoch werde ich weiter die Handzettel für das Konzert verteilen, Freunde ins Konzert einladen, ich werde wieder beim Auf- und Abbau der Podeste helfen und im Chor die gewohnte stimmliche Bereicherung sein. Ich werde also meine Zeit, Kraft und Arbeit hineinstecken, um dafür dann irgendwann wieder angemotzt zu werden. Genau betrachtet bin ich blöd, mir das alles anzutun. Aber ich bin schon länger da als die meisten anderen, inklusive der Chorleitung, und ich werde mich nicht vertreiben lassen und dort weiter singen. Weil es da ein paar Menschen gibt, die ich sehr gerne habe und die ich nicht mehr missen möchte. Und weil ich die Musik über alles liebe, ohne sie nicht existieren kann. Aber es ist ein hoher Preis, den ich immer wieder dafür zahlen muss.
Kränkung
Eine autistische Internetfreundin sandte mir vor einigen Tagen ein Zitat zu mit der Frage, ob mich das auch verletzen würde oder ob sie selbst übertreiben würde mit ihrer Verletztheit darüber: „Du hast doch Hobbys, fotografieren z.B. Such dir doch einen Fotoclub oder so was in der Richtung, da kommst du auf andere Gedanken. Ich weiß schon, was jetzt kommt, wegen deinem Asperger kannst du das nicht. Vielleicht springst du mal über deinem Schatten und probierst es einfach, ohne ausprobieren kann man nicht urteilen.“ Ich antwortete ihr, dass sie überhaupt nicht übertreibe. Mich würde das sehr verletzen und das war auch schon öfter der Fall, wenn ich genau solche Kommentare zu hören bekam. Das Problem ist ja, dass wir Autisten eben nicht "über den Schatten springen" können, ansonsten wären wir ja nicht autistisch und Autismus wäre heilbar. Aber das ist Autismus nicht, es ist eine lebenslange Behinderung mit teilweise massiven Beeinträchtigungen. Leider verstehen das so viele Leute nicht oder sie wollen es nicht verstehen. Oftmals kommen dann noch Vergleiche, wie schlecht es ihnen selbst doch im Vergleich gehe und dass ich mich nicht so anstellen solle, wenn ich wolle, könnte ich schon, aber ich wolle ja gar nicht. Das ist genauso ein Schlag ins Gesicht, wie wenn man einem Depressiven sagt, er solle sich halt zusammenreißen, was Depressive krankheitsbedingt aber eben nicht können. Das verstehen inzwischen viele Menschen sogar, aber uns Autisten begegnen sie weiterhin mit Ignoranz und dummen Ratschlägen. Dabei leiden sehr viele Autisten unter einer komorbiden Depression, was die Grundsymptomatik teilweise noch extrem verstärken kann und unter anderem eine Folge des ständigen Nichtverstandenwerdens in genau solchen Situationen ist. Befolgt man die „klugen“ Ratschläge, die man so im Laufe des Lebens von ignoranten Menschen zu hören bekommt, nicht, da man aus langer, leidvoller Erfahrung bereits weiß, dass diese nicht umsetzbar sind, sind diese Personen auch noch beleidigt und wenden sich von einem ab. Sie wollen einfach nicht akzeptieren, dass da tatsächlich ein Mensch vor ihnen steht, der schlechter dran ist als sie selbst, da verlieren sie ja ihre Berechtigung zum Jammern (über geradezu lächerliche Dinge), da müssten sie selbst mal zurückstecken zugunsten eines anderen und das kann und darf doch nicht sein. Und sie wollen natürlich der Klügere sein, der alles weiß und dem kleinen, dummen Wesen da vor sich sagen, was dieses zu tun hat. ES GEHT ABER NICHT! Schreit es dann in mir. WARUM KANNST DU MIR NICHT EINFACH GLAUBEN, DASS DAS BEI MIR NICHT SO EINFACH FUNKTIONIERT WIE BEI DIR?! Ich bin dann richtig frustriert, weil mein Gegenüber mich offenbar nicht ernst nimmt, mir nicht glaubt und meine Probleme verharmlost. Ich versuche zu erklären, dass ich eine Behinderung und damit entsprechende Einschränkungen habe, worauf ich zur Antwort bekomme, dass ich doch nicht behindert sei, man sähe doch nichts, ich sei doch so intelligent und fit, hätte so viel Wissen und Fähigkeiten, da könne ich gar nicht behindert und schon gar nicht autistisch sein. Und sie hätten ja diesen Film gesehen und wüssten daher alles über Autismus. HALLO! ICH HABE DESWEGEN EINEN SCHWERBEHINDERTENAUSWEIS! HÖRE MIR DOCH EINFACH MAL RICHTIG ZU, ES GIBT BEHINDERUNGEN, DIE MAN NICHT SIEHT, ICH HABE EINE SEELISCHE BEHINDERUNG UND DAHER KANN ICH NICHT ALLES SO WIE DU!!! In solchen Situationen verstumme ich immer mehr, während es in mir immer lauter und verzweifelter schreit. ICH KANN DAS NICHT!!!
Offener Brief zum Welt Autismus Tag am 02.04.2013 an alle Mitmenschen von R. Winkelmann und A. Bröker

Seit einigen Monaten tauchen immer wieder die Begriffe "Autismus" oder "autistisch sein" in einem völlig falschen Kontext in den Medien auf. Da es sehr unterschiedliche Vorstellungen in der Gesellschaft über Autismus gibt, die Medien sogar häufig zu diesem oft falschen und einseitigen Denken beitragen, gibt es nach wie vor unzählige Klischees, mit denen sich autistische Menschen tagtäglich konfrontiert sehen, z. B: Autisten seien gefühllos, egoistisch, desinteressiert an ihren Mitmenschen und weitere Unwahrheiten.

Als ob das nicht schon schlimm genug wäre, nimmt es in letzter Zeit überhand, dass Politiker, Journalisten und Wirtschaftsbosse den Begriff Autismus missbrauchen, ohne darüber nachzudenken, welches negative und falsche Bild dadurch von Autismus und den davon betroffenen Menschen geprägt wird. Autismus ist laut Definition der WHO eine tiefgreifende Entwicklungsstörung und gilt als angeborene Behinderung. Es handelt sich um eine neurologische Variabilität. Menschen mit Autismus haben Schwierigkeiten in der Kommunikation und im sozialen Umgang mit Mitmenschen und weisen Besonderheiten bei der Wahrnehmung von Umweltreizen und in der Denkstruktur auf. Dies hat für die Betroffenen mitunter eine völlig andere Sichtweise auf die Welt und auf sich selbst zur Folge und bringt daher einige Schwierigkeiten und Besonderheiten mit sich. Der Begriff Autismus wird allerdings immer häufiger völlig zweckentfremdet verwendet, um menschliche, schlechte Eigenschaften zu beschreiben, nur weil Autismus in dem Falle als das "reißerischere" Wort angesehen wird. Schlimmer noch, es verzerrt den Begriff und drängt der Allgemeinheit ein völlig falsches und negatives Bild auf. So wurden in der letzten Zeit durch falsche und reißerische Medienberichterstattungen Zusammenhänge konstruiert, die Autisten diskriminieren und in ein völlig falsches Licht rücken.

Autistische Menschen sind aber weder potentielle Massenmörder noch sind sie alle hochintelligente Savants. Autisten sind ganz normale Menschen mit ein paar besonderen Eigenschaften, die für die Allgemeinheit eine Bereicherung darstellen können, sofern sich diese auf sie einlässt. Autisten sind dabei so verschieden, wie Menschen eben verschieden sind. Sie haben unterschiedliche Stärken, Schwächen, Begabungen und Interessen. Sie haben Gefühle, lieben ihre Familien und ihre Freunde. Und sie möchten geachtet und respektiert sein, wie jeder andere Mensch auch.

Autistische Menschen leiden in der Regel nicht unter ihrem Autismus, wie man das häufig lesen kann, sondern sie leiden daran, dass ihnen die nichtautistische Welt manchmal fremd und unververständlich erscheint und man ihnen oft mit Intoleranz begegnet und ihnen Dinge unterstellt, die nicht wahr sind. Sie leiden unter solchen Angriffen. Ja, Autisten haben Gefühle, mehr als viele denken und in vielen Bereichen sogar wesentlich intensiver als alle anderen. Manche Autisten zeigen ihre Gefühle nach Außen reduzierter, als andere Menschen. Das bedeutet aber nicht, dass sie in ihrem Inneren keine Gefühle empfinden. Sie können oft auch die Gefühle anderer Menschen nicht gut lesen, wodurch der falsche Eindruck entsteht, sie seien an ihren Mitmenschen nicht interesressiert. Aber autistische Menschen sind durchaus gerne "Mitmenschen" und interessiert an ihrem Umfeld. Sie wünschen sich, entgegen mancher Vorurteile, Freundschaften. Aber nicht immer gelingt es ihnen, dies auch passend und adäquat zum Ausdruck zu bringen. Dafür sind Autisten oft besonders loyale und treue Personen.

Wir wünschen uns, die Berichterstattung der Medien würde dies alles sorgfältig recherchiert und richtig wiedergeben, damit die Öffentlichkeit ihre Scheu vor autistischen Menschen verliert und ihnen vorurteilsfrei begegnen kann. Auch wenn wir sie unterschiedlich wahrnehmen, so leben wir doch alle in derselben Welt und es wäre schön, wenn dies harmonischer sein könnte und die Medien ihren Teil entsprechen dazu beitragen würden. Bedanken möchten wir uns an dieser Stelle bei allen, die unermüdlich daran arbeiten, das Behinderungbild Autismus bekannter zu machen, die die Menschen aufzuklären, in der Autismusforschung tätig sind und gedankt sei vor allem all jenen, die sorgfältig recherchieren und respektvolle und gute Berichte über Autismus und die davon betroffenen Menschen schreiben.

Regine Winkelmann, Autistin - Blog: www.heutebinichanders.wordpress.com
Andrea Bröker, Autistin - Web: www.polygonos.net
Am Tag danach
Heute habe ich lange geschlafen und wache daher erst spät auf. Es ist Ostersamstag und ich muss nicht zur Arbeit, erst am Nachmittag zur Chorprobe für die Bachkantate im Ostersonntaggottesdienst und einkaufen muss ich noch. So kann ich mir Zeit lassen und diese brauche ich auch. Meine Bewegungen sind langsam und es kostet mich viel Kraft, überhaupt aufzustehen, obwohl ich ausgeschlafen bin. Ich fühle mich irgendwie leer. Es war eine harte Woche und gestern ein anstrengender Tag. Im Büro hatte ich aufgrund einer mehrtägigen Fortbildung viel zu tun und abends hatte ich diese Woche zwei Chorproben, denn gestern am Karfreitag sangen wir mit dem Chor im Gottesdienst morgens und am Abend ein Konzert mit der Matthäuspassion von Bach. Ich liebe Bach und ich singe sehr gerne und dennoch war es sehr anstrengend. Wer sich ein wenig auskennt, weiß, dass dieses grandiose Werk Bachs mehr als drei Stunden geht und dass die Chorsänger dieses im wahrsten Sinne des Wortes durchstehen müssen, während die Solisten sich zwischen ihren Arien setzen dürfen und das Orchester sowieso sitzt. Aber auch die Musik selbst und deren Inhalt sind sehr anstrengend, man muss sich konzentrieren, darf keinen Einsatz verpassen, man muss die Musik richtig interpretieren und natürlich stimmtechnisch gut singen. Nicht zu vergessen ist die Emotionalität, die in der Musik liegt und die einen fordert. Aber ich würde trotz all dieser Anstrengungen, der Vorarbeit, den Podestaufbau und was alles dazugehört, um Bach zum klingen zu bringen, nicht verzichten wollen. Was meine Stingstimme betrifft, so habe ich gar keine Probleme, denn ich könnte nach einem solchen Konzert das ganze Werk nochmal singen, während andere Sänger heiser sind. Aber emotional und auch physich bin ich nach solch einem Konzert sehr erschöpft. Und so fällt es mir am Tag danach schwer, wieder in den Alltag zurückzufinden, auch weil meine Gedanken noch an den Ereignissen der letzten Tage und vor allem am Konzert selbst hängen. Meine Stimmung ist sehr getrübt und ich verstehe nicht wieso dies so ist. Ich habe die Matthäuspassion auswendig gesungen, hatte alle meine Einsätze, ich habe gut gesungen und es war ein gelungenes Konzert. Die Kirche war ausverkauft und die Besucher wollten gar nicht mehr aufhören mit ihrem Applaus am Ende des Konzertes, es muss ihnen also sehr gefallen haben. Ich stehe da, höre und sehe die applaudierenden Menschen und denke beim Hören des Applauses "ja, das gilt auch dir", obwohl mein Verstand mir im selben Moment sagt, dass es auf einen einzelnen Chorsänger doch gar nicht ankommt. Applaus, Wellensalat denke ich, jeder klatscht in seiner eigenen Frequenz und Ansatzweise entstehen durch Rückkoppelungen über das Gehör auch in derselben Frequenz klatschende Areale in der vollen Kirche. Ich stehe mit den anderen Sängern auf dem Chorpodest und bin überwältigt vom Applaus, von dem, was wir gerade gemeinsam erarbeitet, erlebt und zum Klingen gebracht haben. Aus dem Publikum winken einzelne Personen und aus dem Chor winken einzelne Sänger vorsichtig zurück. Viele haben ihre Angehörigen oder ihre Freunde im Publikum sitzen. Mir winkt keiner zu und ich werde traurig, denn jener, der mir winken könnten und sicher auch stolz auf mich wäre, auf mich kleine, unbedeutende Person in diesem Kosmos, die da mitgesungen hat bei einem der schwersten Chorwerke, jene Personen ist nicht da, durfte nie miterleben, wie ich singe und wird niemals meine helle, hohe Sopranstimme hören können. In diesem Moment fehlt er mir mehr denn je. Und ich fühle mich so klein, möchte runter vom Podest, weg aus dem Blick von tausend Augenpaaren, ich möchte mich in eine dunkle Ecke verkriechen. Aber ich muss hier stehen und warten, bis der Applaus vorüber ist und der Chorleiter uns das Zeichen gibt, dass der Chor abtreten darf und endlich ist es so weit. Ich setze mich einfach hinter das Podest, lasse meine Füße ein wenig ausruhen vom langen Stehen und warte. Die Chorsänger haben sich inzwischen unter das Publikum gemischt, werden gelobt, einige umarmen sich, sie schwatzen, sind fröhlich und lebhaft. Währenddessen hole ich meine Arbeitshandschuhe und beginne damit, das Geländer vom Chorpodest abzuschrauben. Wenn die Zuhörer gegangen sind, müssen wir nämlich noch alles abbauen. Es ist gut, dass ich etwas tun kann und nicht unsicher bei irgendeiner Personengruppe dabei stehe und wieder mal nicht weiß, was ich tun und sagen soll und das Gefühl habe, dass sie mich lieber nicht dabei hätten. Da arbeite ich lieber, das kann ich wenigstens und es muss ja sowieso gemacht werden. Sukzessive gehen die meisten Personen aus der Kirche und zurück bleiben nur einige besonders treue Chorsänger, die das Chorpodest abbauen, Stühle und Notenpulte aufräumen, während die anderen Chorsänger es sich im reservierten Lokal schon gut gehen lassen. Nach einer Stunde sind wir fertig, einige verabschieden sich direkt, wir restlichen gehen nun auch rüber ins Lokal. Da sitze ich an einem Tisch, an dem ich es mal wieder nicht schaffe, mich so am Gespräch zu beteiligen, dass ich dass Gefühl habe, dazuzugehören. Und so bin ich mit meinerm Flammkuchen und mit mir selbst beschäftigt. Mit meinem Tischnachbarn unterhalte ich mich noch ein wenig, teile mit ihm ein paar meiner Gedanken und entschuldige mich dafür, denn diese sind nicht gerade fröhlich. Ich hätte nun so gerne Menschen um mich, bei denen ich das Gefühl habe, sie mögen mich wirklich und möchten mich auch dabei haben. Aber das ist nicht so und ich bin noch trauriger. So gehe ich recht früh nach Hause, während die anderen noch feiern. Aber was soll ich da noch? Zu Hause angekommen bin ich einfach nur müde, sogar zu müde zum Denken und das ist wohl ganz gut so. Des Todes Bruder, der Schlaf tut mir gut, einfach für ein paar Stunden weg sein. Ich helfe mit ein wenig Quetiapin nach; pharmakologischer Schlaf und ich bin dankbar, dass es diese Errungenschaft der Neuzeit gibt. Die Chorprobe am nächsten Tag überstehe ich, singen ist wohl das einzige, was ich wirklich gut kann, und mit letzter Kraft schaffe ich es, für die nächsten Tage einzukaufen. In der Stadt ist es voll, überall laufen Menschen mit vollen Tüten herum. Ich bin auf meinem Heimweg so planlos, dass ich zweimal in eine falsche Straßenbahn einsteige, wieder aussteige. Es ist mir sogar egal, ob das jemand sieht und mich für doof hält. Auf einer Bank sitzend höre ich hinter mir die Worte "schau die die an, die könnte etwas Schönheit echt gebrauchen". Strahle ich tatsächlich so viel Häßlichkeit aus? Ich bin zwas adipös, aber ich kleide mich doch gepflegt und unauffällig. Wieder einmal lästern Menschen über mich, die mich gar nicht kennen nur aufgrund meines Äußeren. Sie versuchen mit zu provozieren, sprechen laut, wollen, dass ich mich umdrehe. Aber ich bin so antriebslos, dass ich mich keinen Millimeter bewegen kann und ich bleibe wie erstarrt sitzen. In ähnlichen Situationen, die ich in der Vergangenheit erlebte, musste mir mein Verstand sagen, ruhig zu bleiben, nicht zu reagieren. Aber heute ist das Fleich derart schwach, dagegen kommt der stärkste Geist nicht an. So verbringe ich den Abend auf meinem Sofa, passiv, eine Dokumentation im Fernsehen verfolgend. Ich habe nichtmal Kraft zum Essen, selbst der Gang zum Kühlschrank fällt mir schwer und zum Trinken muss ich mich regelrecht zwingen. Vor allem grübele ich darüber nach, warum es mir an den Tagen nach dem Konzert immer so schlecht geht, obwohl es doch eigentlich gar keinen Grund dazu gibt. Und ich fühle mich leer.
Fenster zur Welt
Es ist Feiertag und ich surfe im Internet. Es ist für mich das wichtigste Medium der Kommunikation und nahezu ideal. Im Gegensatz zum Fernsehen, das man recht passiv konsumiert, kann ich hier interagieren und es ist toll, zu fast jedem Thema etwas im Internet zu finden und damit mein Wissen erweitern zu können. Ich kann das Internet zeitversetzt gebrauchen, dann wenn ich Zeit und Lust habe. Gestik und Mimik, die ich sowieso meist missverstehe, fallen hier weg, so dass sich die Kommunikation etwas vereinfacht. Ich habe ein paar Freunde, die ich nicht sehr oft persönlich treffen kann, da sie nicht in meiner Stadt leben, über das Internet kann ich aber täglich mit ihnen in Kontakt treten. Ich kann aber auch von Menschen lesen, die ich nicht kenne. Wenn ich im Zwischennetz unterwegs bin, sehe ich im Fratzenbuch, was Bekannte, Freunde und deren Freunde so alles machen. Sie zeigen Photos ihrer Familienmitglieder, Neuanschaffungen, Bilder ihrer Urlaubsreisen, sie präsentieren, was sie alles machen, sie zeigen ihre Pferde und Filme, die sie auf Duröhre gefunden haben und mit anderen teilen. Ich kann und habe das alles nicht, denn viel leisten kann ich mir nicht, aber normalerweise bin ich zufrieden, mit dem was ich habe. Aber wenn ich das alles sehe, was andere so alles tun, dann sind da immer wieder diese Momente, in denen mir so deutlich bewusst wird, wie anders mein Leben doch ist. An den Feiertagen, während ich zu Hause sitze, sind sie unterwegs mit Familie und Freunden, sie unternehmen etwas, geben Geld aus und haben Spaß. An den normalen Tagen gehen sie arbeiten, verdienen das Geld, von dem sie sich das alles leisten können. Sie haben interessante und wichtige Arbeitsplätze, beziehen dafür ein gutes Gehalt und sie können sich gar nicht vorstellen, wie es ist, wenn man sich nicht die normalen Dinge des Alltags in der Menge und Qualität kaufen kann wie sie selbst. Nach der Arbeit fängt bei vielen von ihnen das Leben erst richtig an, während ich nach Hause fahre und den wichtigsten Teil meines Tages hinter mir habe, dabei mache ich doch nur Büroarbeit, keine große Leistung, für die auch die Hälfte meines IQ ausreichen würde. Für weitere Unternehmungen in meiner Freizeit hätte ich weder das Geld noch die Energie wie andere Leute und so verbringe ich den Abend meist sehr ruhig zu Hause, während draußen das Leben an mir vorbei geht. Erst kürzlich, als ich nach Hause fuhr, kam mir auch wieder so ein Gedanke. Ich hatte früher Dienstschluss als sonst, noch den ganzen Nachmittag vor mir, das Wetter war sonnig und warm, ideal, um einen schönen Ausritt zu machen und das haben sicher auch alle, die sich ein Pferd leisten können, getan. Währenddessen sitze ich im Bus auf dem Heimweg und stelle mir vor, wie schön es wäre, nun meine Zeit bei den Pferden zu verbringen. Aber ich habe kein Pferd, kein Geld und leider gibt es auch keinen, der mir sein Pferd als Reitbeteiligung geben würde. Das macht mich traurig, denn die Pferde würden mir doch so gut tun. Und so überlege ich, was ich mit dem freien Nachmittag und mit mir anfangen soll. Zu Hause sitze ich dann wieder am Computer, surfe im Internet, sehe im Fratzenbuch die schönen Friesenpferde anderer Leute an und bin einerseits neidisch, und andererseits traurig darüber, dass ich das nicht auch haben kann. Das Internet, mein das Fenster zur Welt verschafft mir also nicht nur eine Kommunikationsmöglichkeit und Wissenserweiterung, sondern auch die Gewissheit, dass Insuffizienz und Armseligkeit mein Dasein bestimmen.
Sommerferien
Es ist Ende Juli und nun beginnen die Sommerferien. Auch wenn man selbst nicht mehr schulpflichtig ist oder keine Kinder hat, wird man besonders von diesen Schulferien sehr beeinflusst. Es finden keine Chorproben statt, in vielen Ämtern und Behörden wird nur wenig oder gar nicht gearbeitet, viele Leute sind im Urlaub und es ist für mich immer eine besonders einsame Zeit. Bei der Grillfeier des Chores, die vor den Ferien stattfindet, erzählen alle von ihren Urlaubsplänen, sie sind alle gut gelaunt und fröhlich und ich sitze still daneben, habe nichts zu erzählen. Auf die Frage, was ich im Urlaub mache, habe ich keine Antwort. Was sollte ich da auch tun? Zum Wegfahren hätte ich kein Geld und wenn dieses vorhanden wäre, wüsste ich nicht, was ich an einem fremden Ort tun sollte. Herumliegen und faulenzen kann ich doch auch zu Hause, da habe ich wenigstens meine vertraute Umgebung, meine Bücher und meine Modelle um mich. Meinen Geburtstag während dieser Zeit wird von fast allen vergessen bzw. gar nicht wahrgenommen und nach den Ferien ist es schon wieder zu lange her, als dass mir noch jemand nachträglich gratulierte. Nicht, dass mir das sonderlich wichtig wäre, aber ich finde es dennoch etwas traurig, immer vergessen zu werden, zeigt es doch, dass man den Mitmenschen doch nicht so wichtig ist. Wenn es darauf ankommt, ist man eben doch alleine. Ich finde es auch traurig, nichts erzählen zu können, zumindest nichts, was die Leute hören wollen. Ich kann weder mit teuren Reisen noch mich tollen Ereignissen aufwarten. Ich fühle mich dann wieder so klein und armselig, wenngleich ich gedanklich in den Tiefen des Kosmos reisen kann. Während die Chorfeier langsam ausklingt, verabschieden sich sukzessive die Chorsänger fröhlich, wünschen schöne Ferien und entschwinden für die nächsten Wochen, in denen ihr Leben weitergeht. Mein Leben bleibt indes stehen, es ist ein Warten auf das Ende der Ferien, dass endlich wieder alle vertrauten Menschen da sind, dass die Chorproben wieder beginnen, dass ich wieder singen darf, den einzigen Zustand, in dem ich Momente erleben kann, die mir ansonsten versagt bleiben und dass ich zurückgleiten kann in die gewohnte Alltagsstruktur, die mir Sicherheit gibt. Aber bis dahin dauert es nun lange, einsame Wochen, in denen mein Leben total durcheinander gerät: keine Verpflichtungen, keine realen Kontakte, mein Tag-Nacht-Rhythmus gerät durcheinander, es gibt keinen Grund, eine Arbeit jetzt zu tun, morgen wäre ja auch noch Zeit und wenn ich nicht mehr existierte, wäre es auch gut.
Urlaubszeit
Es ist Urlaubszeit. Ich liege auf meinem Sofa und bereise die Welt, indem ich mir im Fernsehen Dokumentationen ansehe. Heute war ich bereits in Sibierien, in der Mongolei, in Kenia und in Norwegen, habe die endemische Fauna und Flora kennengelernt, die Menschen, die dort leben etwas beobachtet und das ohne jegliche Anstrengung. Gegessen habe ich noch nichts, obwohl es schon Nachmittag ist. Aber ich habe keinen Appetit, schon seit Tagen, was mir angesichts meiner Adipositas keine Sorgen macht. Mein Tag-Nacht-Rhythmus ist schon nach wenigen Tagen durcheinander geraten. Ich trinke aber auch viel zu wenig und meine Medikamente nehme ich nicht in der gewohnten Regelmäßigkeit ein. Ich weiß, dass das nicht gut ist, aber ich schaffe es einfach nicht. Es stehen keine Termine im Kalender und was zu tun ist, muss nicht zu einer bestimmten Zeit erledigt werden. So schiebe ich es schon seit gestern hinaus, einkaufen zu gehen. Keiner ist da, nichts ist los, keine Verpflichtungen, keine Termine und ich komme mir einsam und verlassen vor. Vor einigen Jahren hatte ich in dieser Zeit noch die Pferde, die mir eine Aufgabe und Sinn verliehen, für die es sich aufzustehen lohnte. Aber dies ist vorbei. Für mich gibt es das höchste Glück auf Erden nicht. Ich sehe auf Facebook die Bilder von Pferdeleuten, die ihre schönen Pferde zeigen, sie unternehmen mit ihnen Ausritte, sie gehen mit ihnen sogar baden und haben Freude mit ihren Pferden. Mich macht es umso trauriger, je mehr ich diese Bilder sehe. Wieso darf ich das nicht auch haben? Und ich denke an Ingrid, die Friesenstute, mit der ich so ein inniges Verhältnis hatte und die mir wieder genommen wurde. Ich vermisse sie immer noch so sehr, besonders an solchen Tagen wie heute. Ich produziere drei Tränen, mehr vermag ich nicht und es tut weh, nicht richtig weinen zu können. Alles, was ich noch habe, ist die Musik. Eigentlich sollte ich nun einkaufen gehen und auch mal nach dem Briefkasten sehen. Aber ich mag nicht, nein ich kann nicht aufstehen. Ich überlege, dass da im Kühlschrank doch noch zwei Scheiben Brot liegen und etwas Käse. Das reicht doch für heute, so kann ich das Einkaufen noch um einen Tag verschieben und bleibe liegen bis in die Nacht hinein, schaue mir ganz passiv eine Dokumentation nach der anderen an, dazwischen einen Krimi, dessen Handlung ich sowieso nicht verstehe, aber das ist doch egal, genauso egal wie die Uhrzeit, zu der ich ins Bett gehe und wieder aufstehe. Inzwischen ist es so spät, dass im Fernsehen die Space-Night gesendet wird, Aufnahmen der Erde vom Weltall aus unterlegt mir klassischer Musik. Ich weiß, dass ich nun eigentlich ins Bett gehen sollte, aber selbst dazu kann ich mich nicht aufraffen. Irgendwann schaffe ich es doch, liege dann im Bett stundenlang wach, trotz sedierender Medikation und schlafe dann doch nach einiger Zeit ein. Als ich wieder aufwache, ist es bereits fast Mittag. Nun brauche ich wirklich neue Kartoffeln und Kräuterquark, im Kühlschrank befinden sich nur noch eine Packung Sauerkraut und süßer Senf. Also raffe ich mich auf, sprühe mir etwas Aluminiumsalz in die Achseln, greife mir ein Kleid aus der Wäschetonne und zupfe mir die Frisur schnell zurecht, ohne meine Haare richtig zu kämmen. Derzeit sehe ich wohl total verwildert aus. Aber es ist mir egal, es sieht mich ja sowieso keiner, alle sind im Urlaub. Als ich vor die Haustüre trete, sehe und höre ich dies regelrecht: Überall sind freie Parkplätze und es ist so still wie sonst nur sonntags. Ich überlege, ob es nicht vielleicht Sonntag ist, traue mir selbst nicht angesichts meines nichtvorhandenen Lebensrhythmus. Aber die Läden sind geöffnet und so kaufe ich meine subterrestrischen Solanaceae und mittels Labenzymen dickgelegte Milch mit einer Beimengung kleingeschnittener krautiger Pflanzen. Ich kaufe so viel, dass es für neun Mahlzeiten, also neun Tage reicht. Ich muss also nicht so schnell wieder einkaufen, wenn ich nicht mag. Und so gehe ich wieder nach Hause und lebe irgendwie weiter und frage mich umso mehr, wozu.
Einsame Nacht
Seit Monaten habe ich mich auf diesen Freitagabend gefreut, denn es ist endlich wieder Chorwochenende mit meinem Rastatter Chor, auf das ich so lange gewartet habe. Es war eine schlimme Woche. Keinem konnte ich es recht machen und meine Bedürfnisse konnte ich wieder nicht zum Ausdruck bringen, so dass diese unberücksichtigt blieben und in mir viel Frust entstand. Mal wieder wurde mir bewusst, dass ich eben doch nur eine dumme Tippse bin und es nie zu etwas bringen werde bzw. von Außen behindert werde, das zu tun, was ich tun könnte. Eigentlich sollte ich nun vergnügt sein, die Woche ist vorbei, das Chorwochenende steht unmittelbar bevor. Aber ich bin sehr gedrückter Stimmung und nur mit viel Kraftanstrengung schaffe ich den Wocheneinkauf und die Waschmaschine anzuschalten und später die Wäsche aufzuhängen. Die letzte Stunde, bevor ich nach Rastatt fahre, kann ich noch ein wenig tun, was mir beliebt. Aber ich habe nichmal Lust, etwas zu lesen, fernzusehen oder Musik zu hören. Ich verkrieche mich in mein Bett und möchte nichts sehen und hören. Als ich dann später im Zug sitze, könnte ich die Landschaft genießen und mich auf den Chor freuen, aber ich kann es nicht. Die Musik, die ich höre, Beethovens Mondscheinsonate, löst Emotionen aus und ich erzeuge ein paar Tränen. Währenddessen starre ich auf das Gleis nebenan und habe dabei Gedanken, die ich besser nicht ausspreche. Im Chorsaal angekommen, kommt eine Sängerin auf mich zu, möchte Kontaktdaten austauschen und beginnt ein Gespräch. Ich mag nicht sprechen müssen, was sie sicher sehr unhöflich findet. Aber ich kann nicht sprechen und würde mich am liebsten verstecken. Beim Einsingen sollen wir ein paar einfacher Körperbewegungen machen, die mir ebenfalls schwer fallen. Immerhin funktioniert das Singen. Es ist sogar erstaunlich, wie gut meine Singstimme funktioniert, kein Vergleich zu meiner Sprechstimme. Aber ich empfinde keine Freude daran. Es fällt mir schwer, die Menschen um mich anzusehen und der Chorleiter findet keinen Blickkontakt zu mir, sein Dirigat nehme ich lediglich mit meinem peripheren Sehvermögen auf, wobei er vermutlich denkt, ich bekomme es gar nicht mit und starre nur in meine Noten. Die Probe läuft ganz gut, aber ich kann es nicht genießen. Nach einiger Zeit versagt mir sogar die Stimme und ich beherrsche mich, nicht zu weinen. Es tut weh und ich gehe kurz aus dem Chorsaal heraus. Ich muss zwar nicht zur Toilette, gehe aber trotzdem, damit die Chorsänger glauben, ich ginge zur Toilette, den nur so tun als ob kann ich nicht und setze mich anschließend wieder auf meinen Platz. Es ist eine gute Chorprobe und auch wenn ich keine Freude empfinden kann, so geht es mir im Laufe des Abends wenigstens ein klein wenig besser und ich kann sogar dem Dirigat folgen, indem ich den Chorleiter ansehe. Am liebsten würde ich einfach hier sitzen bleiben und weitersingen. Aber die Probe ist zu Ende und wir treffen uns am nächsten Morgen wieder. So fahre ich mit dem Zug nach Hause. Dabei höre ich den Walkürenritt von Wagner, der zufällig in meinem mp3-Player abgespielt wird und es ist gut, dass sich in diesem Zug weder Türen noch Fenster öffnen lassen, ansonsten würde ich wohl etwas Dummes tun. Als ich später das letzte Stück des Weges zu Fuß zurücklege, denke ich daran, wie sehr ich mir nun einen Freund wünschte, der mich in den Arm nimmt und einfach bei mir ist. Aber entweder sind die Menschen, die meine Freunde sind, weit weg oder ich kann ihnen nicht sagen oder zeigen, wieviel sie mir bedeuten, wie sehr ich mich nach einigen von ihnen verzehre. Vor meinem Wohnhaus angekommen schleiche ich die Treppen im Dunkeln hoch, denn ich möchte niemandem begegnen. Das ist so paradox, einerseits wünschte ich, nicht alleine zu sein, andererseits bin ich so unsicher, dass ich mich nicht traue und so bleibe ich einsam diese Nacht und dabei kommt mir eine Zeile des Chorstückes in den Sinn, das wir gerade singen: "By night on my bed I sought him whom my soul loveth: I sought him, but I found him not."
Dritter Oktober
Es ist Tag der Deutschen Einheit und ich habe ihn verschlafen. Seit zwei Tagen habe ich Halsschmerzen und fühle mich schlapp. Inzwischen hat sich ein handfester grippaler Infekt ausgebildet und so musste ich das allererste Mal seit ich im Chor singe, ein Konzert absagen. In über zwei Jahrzehnten kam das nicht vor und so bin ich gar nicht traurig, denn ich empfinde dies als gerecht. Wir haben Leute im Chor, die wegen Krankheit oder ihrer Arbeitszeiten schon öfter auf ein Konzert verzichten mussten. Da ist es nur fair, dass es mich eben auch mal erwischt, zumal es ein Konzert betrifft, das mir nicht so wichtig ist wie andere es waren und bei denen ich dabei sein durfte. Aber es tut mir leid wegen einer Freundin im Chor, die mich gerne dabei gehabt hätte, für die ich eine Stütze gewesen wäre. Ich wäre so gerne für sie da gewesen. Aber ich hatte die Generalprobe am Vorabend abgesagt und entgegen meinem Vorhaben, dem Konzert als Zuhörer beizuwohnen, blieb ich doch zu Hause, denn mit Reizhusen ist man für andere Menschen im Konzert belästigend, von der Gefahr der Ansteckung mal ganz abgesehen. Ich fühle mich auch nicht sehr gut und brauche fast eine Stunde, um richtig wach zu werden. Es war eine schlimme Nacht mit einem schweren Alptraum. Ich träumte von der Firma, in der ich gemobbt wurde, von den Kolleginnen, die mir das Leben und Arbeiten dort so schwer machten. Der Traum wollte kein Ende nehmen, bestand aus mehreren Episoden und quälte mich. Das einzig positive an diesem Traum waren seine wunderschönen, braunen Augen, in die ich ein einziges Mal zu blicken wagte in all den Jahren und deren Bild ich niemals vergessen hatte und kurz in diesem Traum sah. Als ich erwachte, hatte ich starke Kopfschmerzen, kein Wunder, ich hatte weder meine Medikamente noch Wasser zu mir genommen während dieses langen Schlafes. Ich erinnere mich nur, dass ich zwischendurch kurz erwachte und eine cetylpyridiniumchloridhaltige Lutschpastille zu mir nahm gegen die Halsschmerzen. Mit viel Mühe erhebe ich mich, noch mehr Mühe kostet es mich, meine Medikamente und die Wasserflasche zu holen. Aber ich weiß, dass es mir nach deren Einnahme besser gehen wird, wobei ich mit ein wenig Ibuprofen nachhelfe und mich auf mein Sofa setze. In Gedanken bin ich bei meiner Chorfreundin und ich hoffe, sie kann mitsingen und Freude am Konzert haben.
Soziale Kälte
Es ist kurz vor Silvester und auf Facebook wird dazu aufgefordert, die Silvesterböller sein zu lassen zugunsten von Katzen und Hunden, die jedes Jahr tierische Angst vor der Knallerei haben. Ich habe in einem Kommentar hinzugefügt, dass man das gesparte Geld ja der Tafel spenden könne und daraufhin antwortet innerhalb weniger Sekunden jemand, dass dieser da nicht spenden würde, da bei der Tafel ja so viele Schmarotzer Spenden bekämen. Daraufhin argumentiere ich, dass es sicher einige Schmarotzer gäbe, man mit solch einer Haltung aber allen anderen, sehr viel mehr Menschen, die tatsächlich in Not sind, Unrecht tue. Die Diskussion artet emotional aus, die Beteiligten werden beleidigend und es ist müßig, weiterzudiskutieren und führt dazu, dass ich die beiden Hauptbeteiligten blockiere, denn auf diesem Niveau diskutiere ich nicht und irgendwie muss ich mich auch selbst schützen. Aber ich bin wirklich erschüttert über die Kälte, die viele Leute anderen Menschen entgegenbringen! Da werden arme Menschen, die auf Sozialleistungen angewiesen sind, als Schmarotzer bezeichnet und da werden lieber hunderte von Euros an irgendwelche Tiere in Spanien gespendet als an die Tafeln zugunsten von Menschen, die am am Rande des Existenzminimums leben und deren Geld nicht bis zum Monatsende reicht, deren Rente zu klein ist, die krank oder behindert sind und nicht arbeiten können oder ganz einfach keine Arbeit finden, Menschen, die nichts für ihre miese finanzielle Situation können. Besonders schlimm finde ich, dass diese Haltung besonders aus der Mittelschicht kommt, von Leuten, die eigentlich selbst wissen müssten, wie schnell man in Not geraten kann und wie ernst das Leben mitunter ist. Aber denen geht es noch so gut, dass sie sich ein Pferd oder sonstige teure Hobbys und einen gewissen Lebensstandard leisten können und so sitzen sie auf einem sehr hohen Ross. Man soll ja niemandem etwas böses wünschen, aber von da kann man sehr tief fallen und dann bringt man ihnen dieselbe Kälte, dieselben Vorurteile entgegen und versagt ihnen die Unterstützung, die sie so dringend bräuchten und vor allem die Achtung, die sie heute ihren Mitmenschen versagen...
Heilung vom Heilungswahn

Seit Monaten schon lese ich immer wieder Werbung für das Mittel „Miracle Mineral Supplement“, abgekürzt MMS. Dieses Mittel wird als „alternatives Antibiotikum“ gegen unterschiedliche Krankheitserreger und für die Behandlung von Krebserkrankungen, AIDS, Demenz und Autismus angepriesen. Heilung von Autismus?

Bei diesem Wundermittel, wie im Namen schon ausgedrückt wird, handelt es sich um Natriumchlorit (NaClO2), einer giftigen Substanz, die normalerweise als Desinfektionsmittel in Wasseraufbereitungsanlagen verwendet wird und zur Bleichung von Textilien und Papier, indem daraus das ebenfalls giftige Chlordioxid (ClO2) gewonnen wird. Als Orphan-Arzneimittel wird Natriumchlorit in der Medizin zur Behandlung von ALS (Amyotrophe Lateralsklerose) eingesetzt. Ansonsten ist mir keinerlei nachgewiesen sinnvoller Einsatz von Natriumchlorit in der Medizin bekannt. Ganz im Gegenteil, es ist mir als Chemikerin und Autistin unbegreiflich, wie man glauben kann, dass eine einfache anorganische Substanz, die u. a. in der Industrie als Bleichmittel Verwendung findet, Autismus (und andere Behinderungen und Krankheiten) heilen können soll, würde dies doch bedeuten, dass Natriumchlorit hirnorganische Strukturen verändern würde. Autismus ist nämlich eine tiefgreifende Entwicklungsstörung und betrifft das Gehirn, das bei autistischen Menschen, schlicht ausgedrückt, etwas anders funktioniert als bei den sogenannten neurotypischen, also nichtautistischen Menschen.

In den Berichten über MMS liest man von der Heilung autistischer Kinder, mitunter innerhalb kürzester Zeit, unterstützt von Zahlen, bunten Bildchen und Filmen, die von den Verfechtern als Beweise herangezogen werden. Aber schaut man genauer hin und betrachtet diese Berichte logisch, kann man sehen, wie sehr hier gelogen wird. Da ist z. B. die Rede von „180 Heilungen“. Es gibt über 7 Milliarden Menschen auf der Erde, davon sind ca. 1-2% autistisch und von denen wurden nur 180 angeblich geheilt. Wäre diese Methode tatsächlich wirksam wären dies sehr viel mehr und die Kostenträger würden ganz sicher nicht Therapien finanzieren, die erwiesenermaßen sinnvoll und für die Betroffenen hilfreich sind, aber auch mehr kosten. Es könnte auch sein, dass die "Geheilten" genetisch gesehen gar keine Autisten sind und somit auch gar kein Autismus geheilt wurde.

Argumentiert man sachlich gegen MMS, wird man von den Verfechtern als unwissend bezeichnet, dass man anderen sinnlos nachplappern würde und dass es unmenschlich sei, autistischen Kindern die Behandlung mit MMS zu versagen. Folgt man den bei den diversen Anpreisungen von MMS angegebenen Links, kommt man meist auf eine Webseite, wo man etwas kaufen soll. Ich bin der Meinung, es ist nicht nur Betrug, sondern geradezu unmenschlich mit solch falschen Heilsversprechungen den Eltern und Betroffenen ihr Geld abzuknöpfen, indem man deren Verzweiflung, Hoffnung und mangelnden fachlichen Kenntnisse ausnutzt und ihnen Dinge verkauft, die unnütz oder gar schädlich sind. In einer Diskussion, in der ich erklärte, dass Autismus unheilbar ist und diese Substanz somit kein Wundermittel darstellt, weil sie nicht wirken kann, bekam ich gar zur Antwort: „Ignoranz ist heilbar.“ Ich bin ja weder Mediziner noch Pharmazeut, habe nur Chemie studiert, bin selbst Autistin und arbeite lediglich als Tippse, aber als völlig ignorant würde ich mich selbst nun nicht gerade bezeichnen, zumal mich solche Kommentare kränken, denn mein Verstand ist mein einziger Reichtum.

In dieser Diskussion schrieb denn auch noch jemand, dass meine Ausführungen kontraproduktiv seien, die „Erwachten“ aber wissen würden, was „richtig“ sei und sie wolle „die Herzen der Menschen erreichen“. Das klingt aber nun gar nicht mehr nach Medizin, sondern nach Religion. Wirkt MMS nur wenn man daran glaubt? Es gibt ja bekanntermaßen den Placebo-Effekt, aber so stark ist dieser ja nun auch nicht, ansonsten müssten sich die Pharmafirmen nicht damit abmühen, komplizierte Produktionsprozesse zu entwickeln, um Medikamente herzustellen. Die Diskussion gipfelte darin, dass mein Gegenüber schrieb, dass ich MMS ausprobieren solle und dabei Freunde fände. Damit meinte sie wohl die Aufnahme in die Glaubensgemeinde des Mirakels. Dass man Freunde nicht durch die Einnahme von Medikamenten gewinnen kann, wird sich der geneigte Leser sicher selbst denken können, so dass ich dies hier nicht weiter auszuführen brauche. Es ist mir unbegreiflich, wie heftig dieses Wundermittel von vielen Leuten verteidigt wird, wobei deren fachliches Wissen und die Vehemenz und Emotionalität, mit der sie dabei vorgehen, in reziprok proportionalem Verhältnis stehen.

All das, was in den Anzeigen und Diskussionen versprochen wird ist aber nicht nur hanebüchener Unsinn, sondern zugleich auch noch äußerst gesundgeitsschädlich, denn Natriumchlorit muss nach der EU-Gefahrstoffkennzeichnunng mit den Symbolen O, T+ und N ("Brandfördernd", "Sehr giftig" und "Umweltgefährlich") und mit den entsprechenden R- und S-Sätzen gekennzeichnet werden. Im Labor habe ich beim Umgang mit dieser Substanz Schutzbrille, Handschuhe und Labormantel getragen. Niemals wäre ich dabei auf die Idee gekommen, NaClO2 oral, intravenös oder als Einlauf einem Menschen zu verabreichen, erst recht nicht, um komplexe Erkrankungen ohne jegliches medizinisches und pharmazeutisches Wissen heilen zu wollen. Hier wird mit der Verzweiflung und der Unwissenheit von Eltern autistischer Kinder Schindluder getrieben, ihnen das Geld aus der Tasche gezogen und vor allem wird die Gesundheit der Kinder gefährdet bzw. geschädigt.

Bereits im Jahre 2010 warnte die FDA (Food and Drug Association) vor MMS und das BfR (Bundesinstitut für Risikobewertung) veröffentlichte 2012 eine Stellungnahme, in der es dringend vor der Einnahme und Verwendung von MMS abrät. Eine wässerige Lösung von Natriumchlorit ist gesundheitsschädlich beim Verschlucken und bei Einwirkung von Säuren werden sehr giftige Gase frei. Weiterhin besteht die Gefahr ernsthafter Augenschäden und auch als Feststoff ist NaClO2 giftig und verursacht Verätzungen. Bei Absorption durch die Haut kann es ebenfalls schädlich sein. Zudem verursacht es Verätzungen des Magen-Darm-Trakts und kann Übelkeit und Erbrechen verursachen. Das Einatmen von Dämpfen ruft Husten und Atemschwierigkeiten hervor, kann den Atemtrakt verätzen und auch tödlich sein. MMS als Mittel zur Behandlung egal welcher Krankheit ist ergo alles andere als empfehlenswert und kein verantwortungsvoller Mediziner würde seinen Patienten dieses verabreichen.

Dabei stellt sich mir auch ernsthaft die Frage, wieso man „Autismus heilen“ sollte, so man es könnte bzw. wie weit dies überhaupt ethisch vertretbar ist und woher dieser Heilungswahn stammt. Mir kommen dabei Begriffe wie "Freiheit zur Krankheit" und „Selbstbestimmung“ in den Sinn, aber auch das Bestreben, Menschen, die in ihrem Sosein offenbar nicht erwünscht sind, in eine Form pressen und „normal“ machen zu wollen, mit äußerst hanebüchenen und teilweise sogar schädlichen Methoden. Im Rahmen der UN-Behindertenrechtskonvention ist dies aber ein äußerst fragwürdiges Unterfangen, denn in deren Sinne sollte man autistische Menschen annehmen, wie sie sind. Anstatt Autismus heilen zu wollen wäre wohl eher eine Heilung vom Heilungswahn indiziert. Und vielleicht sollte man auch einfach lernen zu akzeptieren: Die Situation annehmen, dabei optimieren, was besser zu machen ist und hinnehmen, was nicht zu ändern ist; akzeptieren, dass das Leben des Betroffenen eben etwas anders sein wird.

Ich habe in der Vergangenheit mit einigen Autisten darüber diskutiert, ob sie die "Autismus-Weg-Pille", so es sie gäbe, nehmen würden oder nicht. Alle, mit denen ich sprach und die teilweise durch ihren Autismus erhebliche Einschränkungen und einen hohen Leidensdruck haben, würden dies nicht tun, auch ich nicht. Autismus ist nämlich ein nicht unerheblicher Bestandteil der Persönlichkeit und die Betroffenen und ihre Angehörigen wollten diesen nicht missen. Ich habe aufgrund meines Autismus eine andere Wahrnehmung der Welt als die meisten anderen Menschen, es ist eine besondere Art der Wahrnehmung. Diese macht mir einerseits das Leben oft schwer, aber andererseits bereichert sie dieses, indem mir diese Wahrnehmung nämlich nicht nur Leiden bereitet, sondern eben auch besondere Begabungen. Autismus ist insofern nicht nur defizitär zu sehen und es gilt vielmehr, die Begabungen hervorzukehren, zu fördern und zu nutzen. Dazu bedarf es keiner Medikamente, egal ob "natürlich" oder allopathisch, sondern Menschlichkeit, Verständnis, Geduld, Toleranz, Wohlwollen des Umfeldes und es bedarf der richtigen Interventionen, die erwiesenermaßen erfolgversprechend sind, wie zum Beispiel Angewandte Verhaltenstherapie, TEACCH, Sozialkompetenztraining und die nötigen Rahmenbedingungen in Schule, Ausbildung und Beruf, wobei man stets individuell entscheiden sollte, was für den jeweiligen Betroffenen gut, hilfreich und damit sinnvoll ist.

Inklusion ist dabei das Stichwort: eine pluralistische Gesellschaft, in der Menschen, die ein wenig anders sind, ganz selbstverständlich Teilhabe haben und in ihrem Sosein akzeptiert werden, ohne sie normieren zu wollen, damit sie ein menschenwürdiges Dasein führen zu können. Dass dabei komorbide und behandelbare Erkrankungen, unter denen viele Autisten leiden, nicht unbehandelt bleiben sollten, um deren Lebensqualität zu verbessern, steht dabei außer Frage. Aber dies kann nur mit der gebotenen fachlichen Kompetenz erfolgen und darf nicht durch falsche Heilsversprechungen, an die sich verzweifelte Eltern klammern, in der Hoffnung ihrem Kind etwas Gutes zu tun und die letztlich nur dem Bankkonto des Herstellers dienen und dabei auch noch die Gesundheit der Betroffenen gefährden.

Ich hoffe, dass durch Aufklärung dem Unwesen solcher Scharlatane Einhalt geboten wird und dass autistischen Kinder und Erwachsene die Förderung und Unterstützung bekommen, die sie jeweils benötigen. Allen Kritikern meiner Ausführungen sei gesagt, dass ich weder einem Anbieter von Therapien noch der chemisch-pharmazeutischen Industrie angehöre und mich somit keinerlei finanzielle Interessen zu meiner Haltung und meinen Ausführungen leiten. Mir geht es ganz alleine um das Wohl autistischer Menschen, das ich durch die Verbreitung von falschen Heilsversprechungen und schädlichen Substanzen gefährdet sehe und worüber ich nicht schweigen kann.

Warnung der FDA vom 07/30/2010:
http://www.fda.gov/Safety/MedWatch/SafetyInformation/SafetyAlertsforHumanMedicalProducts/ucm220756.htm

Stellungnahme des BfR vom 02.07.2012:
http://www.bfr.bund.de/cm/343/bfr-raet-von-der-einnahme-des-produkts-miracle-mineral-supplement-mms-ab.pdf

Warnung des BfArM vom 30.05.2014:
http://www.bfarm.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/mitteil2014/pm08-2014.html

Artikel in der Pharmazeutischen Zeitung vom 02.06.2014:
http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=52477
Glück ohne Empfinden
Ich sitze im Reisebus und scaue auf die vorbeiziehende Landschaft - endlose Felder, Windkraftanlagen und darüber der weite Himmel mit ein paar Wolken. Ich mag dieses platte Land. Wir sind auf dem Heimweg von Stralsund nach Güstrow. Diese Woche bn ich mit dem Chor auf Konzertreise und es ist schön, dabei sein zu dürfen. Alleine würde ich wohl solch einen Urlaub gar nicht machen. Dies liegt nicht daran, dass ich es nicht organisatorisch könnte, sondern eher daran, dass ich mich nicht dazu aufraffen könnte, aber vor allem auch daran, dass ich für Urlaub gar kein Geld habe. Da ich aber gar nicht das Fernweh habe wie andere Leute ist dies für mich nicht weiter schlimm. Mit vertrauten Menschen unterwegs zu sein, fällt mir auch sehr viel leichter, als alleine. Daher ist es schön, dass ich mitfahren konnte und aus der Chorkasse dafür einen Zuschauss bekam. Nachdem wir am Vortrag im Dom zu Güstrow ein schönes Konzert gesungen hatten, unternahmen wir heute einen Tagesausflug nach Stralsund. Es war ein schöner, aber auch anstrengender Tag. Nach der Stadtführung haben wir die Gorch Fock I und das Ozeaneum besucht und auf dem Weg zurück noch ein leckeres Eis gegessen. Nun sitze ich im Bus, neben mir fröhlich schwatzende Mitsänger, während ich völlig erledigt und erschöpft auf meinem Sitz hnge. Und wieder einmal wird mir auf dieser Reise bewusst, wie wenig belastbar ich bin. Intuitiv orientiere ich mich an den älteren Sängern des Chores und nicht an jenen meines Alters, mit deren Energie und Tempo ich völlig überfordert wäre und nicht mithalten könnte. Aber zu den Älteren gehöre ich halt auch nicht und so bin ich auch hier immer nur das Unikum, der Außenseiter. An diese Rolle bin ich ja lebenslang gewöhnt, aber in diesem Moment tut es eben doch weh. Ich klinke mich aus, indem ich mir meine Kopfhörer in die Ohren stöpsele und höre Palestrina und schaue weiter aus dem Fenster, lasse die Landschaft an mir vorbeiziehen. Dabei fallen mir einige Tränen aus den Augen, was man wegen meiner Sonnenbrille zum Glück nicht sehen kann. Mal wieder bin ich unter Menschen, sogar Menschen, die ich teilweise sehr mag und bin einsamer denn je. Und ich verstehe nicht, wieso ich so traurig bin. Ich erlebe doch gerade sehr viel Glück, das ich aber nicht empfinde: Ich darf diese schöne Reise mitmachen, Konzerte singen und werden auch noch regelmäßig mit Essen versorgt. Den ganzen Tag haben mich seine schönen braunen Augen begleitet und das ist so viel mehr, als ich mir je erträumt hätte. Ich habe nette Menschen um mich und er ist dabei. Aber ich kann ihnen nicht zeigen, was sie mir bedeuten, habe Angst, dass ich ihnen mit meiner unbeholfenen Art zu aufdringlich oder gar nervig sein könnte und ich habe Angst, sie dadurch wieder alles zu verlieren. Überhaupt habe ich immer Angst, zu verlieren, was mir an Gutem widerfährt bzw. ich habe Zweifel, ob ich das überhaupt verdient habe oder dass es nur ein Versehen ist. Neben mir wird immer noch fröhlich geschwatzt und gelacht und ich habe keine Möglichkeit, mich einzuklingen. Dabei wäre ich so gerne richtig dabei. Aber ich kann das nicht und bleibe einsam.
Fußballgucken
Nachem wir aus Stralsund zurückkamen und das Abendessen eingenommen hatten mag ich nicht alleine in meinem Zimmer sitzen, das kann ich zu Hause genug und dafür bin ich ja nicht auf die Chorreise mitgefahren. Und auch wenn ich gerade alles andere als fröhlich bin, möchte ich dabei sein und gehe ganz entgegen meiner Gewohnheiten ins Fernsehzimmer, um mit den anderen Fußball zu schauen. Ich habe bisher nur ganz selten mal diesen Sport im Fernsehen verfolgt, da ich das bisher immer nur langweilig fand. Aber da es den anderen offenbar Spaß macht und ich dabei sein möchte, setze ich mich dazu und trinke auch ein Bier, Köstritzer Schwarzbier, das mag ich. Aber nichtmal mit viel Anstrengung gelingt es mir, mitzutun un nun wird mir auch bewusst, warum ich mit Fußball nichts anfangen kann: Ich verstehe die Gestik und Mimik nicht, die offenbar wichtig ist, um zu verstehen, was da auf dem Fußballfeld geschieht. Meine Chorkollegen lachen und schreienund ich verstehe nicht, warum, denn ich sehe es nicht. Auch wenn ein Tor fällt, brülle ich nicht mit, da fehlen mir wohl die Spiegelneuronen und es ist für mich nicht zu verstehen, warum man ein Tor so lautstark kommentieren muss. Da sitze ich nun, schaue auf den grünen Rasen und verstehe nichts. die Spieler von oben sehen für mich aus wie Brown'sche Molekularbewegung und falls mal eine Kamera oder ein Kamerakran im Bild erscheint, werde ich neugierig, aber leider folgt dann meist ganz schnell ein Bildschnitt und das, was für mich wenigstens etwas verständlich gewesen wäre, ein technisches Gerät, verschwindet wieder. Ab und zu stelle ich den anderen eine Frage und ernte dafür meist Lacher. Darüber bin ich aber nicht böse, denn sie wissen ja nicht, wie schwierig diese Dinge für mich sind, die für sie selbst so einfach sind, dass sie gar nicht darüber nachdenken. Manchmal lache ich auch mit, denn mir selbst kommt es ja miunter auch so paradox vor; wie muss das erst für einen Außenstehenden aussehen?! Dabei kommt mir in den Sinn, wie Asperger-Autismus in vielen berichten als '"leichte Form des Autismus" beschrieben wird und wie dumm das doch ist. Da sitze ich hier mit meinem hohen IQ und meiner ach so leichten Autismus-Form und verstehe doch nicht, was fast alle Menschen verstehen, ein einfaches Fußballspiel, Gestik und Mimik und dies macht mich zum Außenseiter. Dabei ist niemandem ein Vorwurf zu machen. Es kann ja keiner etwas für meine andere Wahrnehmung. Von vielen Autisten liest man, sie würden von Außen, von ihren Mitmenschen behindert und dass sie selbst nicht unter ihrem Autismus leiden, sondern lediglich darunter, wie das Umfeld damit umgeht. Aber dies ist bei mir hier nicht der Fall. Einige dieser Menschen hier im Raum sind mir gegenüber sehr wohlwollend und einige kennen mich schon seit vielen Jahren. Nein, es ist der Autismus selbst, der mich ausgrenzt und so sitze ich schweigend und nachdenklich im Raum, während die Anderen das Fußballspiel ansehen und dabei Vergnügen empfinden. Zum Glück haben wir morgen Früh wieder eine Chorprobe, denn da kann ich wieder richtig dabei sein, denn singen kann ich gut.
Anker
Wir sind auf dem Heimweg von unserer schönen Konzertreise und wir machen eine kurze Pause an einer Raststätte. Ich habe heute Mittag Kaffee getrunken und das darin enthaltene Coffein hat das Adiurethin in meinen Nieren gehemmt, mit der Folge, dass die Wasserrückresorption reduziert ist und ich nun dringend auf die Toilette muss. An der Raststätte ist es besonders voll und schon die ersten Sekunden darin stressen mich extrem. Am Eingang muss ich mich an den Menschen vorbeiquälen, sie drängln und reden laut. In der Toilette ist es ebenso turbulent und im Restaurant ist es nicht besser. Der Raum ist voller Reize: optisch, akustisch und olfaktorisch. Das überfordert mich völlig. Dennoch schaffe ich es irgendie, mich durch das Gewühl zu arbeiten, die Toilette zu besuchen und eine Tasse Suppe zu kaufen. Meine Chorkollegen sind alle weg, nur fremde Leute um mich. Ich fühle mich verloren und suche verzweifelt nach einem Anker, einem vertrauten Menschen, während ich ziellos mit meinem Tablett in dem Gewusel stehe. Aber ich kann Gesichter nicht gut erkennen und so brauche ich mehrere Miniuten, ehe ich wieder Anschluss finde, bin dann aber umso erleichterter. Beim Hinausgehen und Tablettabgeben verliere ich meine Chorkollegen und wieder bin ich alleine und unsicher. Erneut kämpfe ich mich durch das Gewühl, bin erleichtert, als ich aus dieser reizüberflutenden Umgebung raus bin und steuere direkt auf unseren Bus zu. Obwohl noch etwas Zeit bis zur Abfahrt ist, ist es mir sicherer, mich gleich in den Bus zu setzen, um die Abfahrt es Busses nicht zu verpassen und nicht verloren zu gehen, zumal es darin auch schön ruhig ist und ich mich von dem Stress in der Raststätte erholen kann.
Der Himmel auf Erden
Es ist Nacht und eine lange Woche liegt hinter mir, so dass ich sehr erschöpft bin und mir viele Dinge durch den Kopf gehen. Daher kann ich nicht einschlafen und ich liege trotz pharmakologischen Nachhelfens lange wach. Es ist alles ruhig und zur Stille der Nacht passt am schönsten a-capella gesungene Musik. Für mich ist die menschliche Stimme immer noch das schönste und natürlichste Instrument und so höre ich das Miserere von Allegri, in einer besonders schönen Aufnahme, die ein Freund mir empfahl und an den ich dabei denke. Meinen sonst so behäbigen Körper nehme ich im Bett liegend kaum wahr und so kann ich mich ganz auf diese wundervolle Musik konzentrieren. Gänzlich versunken in diese schönen Klänge kommt mir der Gedanke, dass dieser Moment sich anfühlt, wie der Himmel auf Erden. Es ist wunderbar und ich wünschte, dieser Zustand würde niemals enden. Tatsächlich entspanne ich mich, döse ein, höre den Harmonien zu, wache nochmal kurz auf, aber dann schlafe ich richtig ein. Des Todes Bruder, der Schlaf ist gekommen und bereitet mir durch die Bewusstlosigkeit in den folgenden Stunden Ruhe und Erholung und in meinen Träumen sehe ich seine schönen Augen, in die ich ansonsten nur selten zu blicken wage.
Per noctes
Ich sitze auf dem Heimweg im Bus ganz vorne und betrachte die tief im Westen stehende Mondsichel. Sie ist so schmal, dass man das sekundäre Mondlicht sieht, also das Licht, das die Erde auf den unbeleuchteten Teil des Mondes reflektiert, so dass man den Mond ganz sehen kann. Ich mag diesen Anblick, höre dabei das Agnus Dei von Barber und hänge meinen Gedanken nach: Ein paar aufregende und schöne Tage liegen hinter mir und eigentlich sollte es mir gut gehen. Dennoch bin ich still und nachdenklich und es ist gut, dass der Sitz neben mir leer blieb und ich nicht gezwungen bin, mit jemandem ein Gespräch zu führen. Mir fällt eine Zeile aus dem Hohelied Salomos ein: In lectulo meo, per noctes, quaesivi quem diligit anima mea: quaesivi illum, et non inveni. (Des Nachts auf meinem Lager suchte ich, den meine Seele liebt. Ich suchte; aber ich fand ihn nicht.) Ich kann sie nicht finden und vermisse sie, die beiden, die im Leben anderer Menschen einen großen Stellenwert haben und doch werde ich sie niemals an meiner Seite haben können. Ihn, der mich verließ, als ich noch Kind war, weil er keinen anderen Weg sah und nicht sehen konnte, dass da ein kleines Mädchen seiner Anwesenheit bedurfte. Und ihn mit den schönen braunen Augen, dessen Leben viel zu unterschiedlich zu meinem ist und dem ich niemals ein adäquates Gegenüber sein könnte, dem ich nichtmal zeigen und sagen kann, wieviel er mir bedeutet. Als sollte es die männliche Seite in meinem Leben einfach nicht geben. Ich bin einsam und sehr traurig in diesem Moment, da mir diese Gedanken kommen. Ich wünschte, ich könnte es einfach ausblenden, aber es gelingt mir nicht und so bin ich mal wieder hilflos Gefühlen ausgesetzt, die ich besser nicht haben sollte.
 


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